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Präambel
Jude
oder Jüdin ist, wer von einer jüdischen Mutter
abstammt oder nach halachischen Regeln zum Judentum übergetreten
ist.
Als
Jude oder Jüdin zu leben, heißt traditionell, die
kulturelle Tradition sowie die besonderen historischen
Erfahrungen des jüdischen Volkes als Teil der eigenen
Identität zu verstehen.
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Als
religiöser Jude oder religiöse Jüdin zu leben
heißt, die religiösen und ethischen
Forderungen der mündlichen und schriftlichen
Tora lernend anzunehmen und die Mitzwot zu
praktizieren. Dazu gehört auch die Aufgabe,
diese Tradition zu bewahren und sie
weiterzugehen.
Als
liberaler religiöser Jude oder liberale religiöse
Jüdin zu leben, heißt zusätzlich, in der
Reflexion mit der im Schrifttum überlieferten
Lehre ein jüdisches Leben zu führen, das den
sozialen, kulturellen und ethischen
Herausforderungen der Moderne entspricht. Unter
Wahrung der Besonderheit des Judentums ist dabei
das Bewusstsein von der Einheit aller Menschen
als Gottes Geschöpfe zu vertiefen -
entsprechend dem Ideal der Propheten:
Gerechtigkeit und Liebe zu üben und im Dialog
mit Gott weiterzugehen. |
Was
viele Juden eint
1.
Uns eint unsere jüdische Tradition, die ererbte
Kultur des jüdischen Volkes und seine zentrale
Botschaft seit der Zeit Abrahams: die Herrschaft des
einen Gottes. Juden glauben und bezeugen: Gott ist
einzig und unteilbar. Er ist der Schöpfer der Welt,
unsichtbar, transzendent und immanent. Gott schuf die
Welt und erhält sie. Gott ist die Quelle der Ethik,
Gott ist ein Gott der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit
und erwartet, dass alle Menschen Gerechtigkeit und Wohltätigkeit
untereinander üben.
2.
Uns eint das jüdische Volk (am jisrael); in ihm
lebt die jüdische Religion und das kulturelle Erbe.
Alle Juden sind miteinander durch den am Sinai
eingegangenen Bund (berit) mit dem Ewigen verbunden.
Gott ging mit unseren Vorfahren eine besondere Beziehung
ein. Das jüdische Volk nahm mit der Tora am Sinai eine
besondere Verpflichtung für alle Zeiten an: Zeugen des
Ewigen, als Priestervolk ein Vorbild und nur so
"Licht der Völker" zu sein. Für uns als
Nachkommen entsteht daraus die Verantwortung Gott zu
bezeugen, ihm verpflichtet zu sein und seinem Weg zu
folgen.
Als Teil des jüdischen Volkes (klal jisrael) ist es uns
geboten, sich überall für die Rechte seiner Angehörigen
einzusetzen. Wir treten der Diskriminierung von Jüdinnen
und Juden sowie aller jüdischen Gemeinden entgegen und
setzen uns dafür ein, ihr materielles und geistiges
Wohl zu fördern.
3.
Uns eint das Band zum Staat Israel, unser
Bestreben, uns für seine Sicherheit und den Frieden
aller Bewohner in seiner Region einzutreten, seine
Entwicklung zu fördern und ihn bei der Aufnahme von
Einwanderern zu unterstützen. Nicht zuletzt setzen wir
uns für die Ziele ein, die in der Unabhängigkeitserklärung
Israels formuliert wurden.
4.
Uns eint unsere Erfahrung und Erinnerung der jüdischen
Geschichte durch die Generationen. Jüdisches Leben von
seinen Anfängen bis heute ist ein einzigartiges
Beispiel von Überleben, menschlicher Leistung und göttlicher
Handlung. Die Kreativität jüdischen Lebens zeigt sich
in vielen Ländern und unter verschiedenen Bedingungen.
Die Erinnerung an die blühenden Zeiten in der Diaspora,
als auch an die Zeiten fast unaussprechlichen Schreckens
bestärken uns in unserem Willen, zum Überleben des jüdischen
Volkes und damit des Judentums, beizutragen.
Die Geschichte ist ein linearer Prozess mit
Fortschritten und Rückschritten, Siegen und
Niederlagen. Gott hat der Geschichte ein Ziel gesetzt:
das ist die Zeit, in der alle Menschen den Einen Gott
verehren werden, in der das Gute über das Böse
triumphieren und das Reich der Freiheit, Gerechtigkeit,
der Liebe und des Friedens für alle Zeiten und für
alle Welt errichtet wird. Als Juden streben wir nach dem
von Gott gesetzten Ziel der Geschichte: in der
messianischen Zeit ist die Menschheit eins und mit dem
Ewigen versöhnt. Menschen als Gottes Geschöpfe können
mit ihrer Lebensführung aus freiem Willen zum Kommen
des messianischen Zeitalters beitragen.
5.
Uns eint die jüdische Lehre über die Tora. Das
Volk Israel erhielt am Sinai und in der darauf folgenden
Zeit durch Offenbarung und Inspiration, durch Nachdenken
und Diskussion ein zunehmendes Verständnis von Gottes
Willen. Dies ist ein kontinuierlicher Prozess.
Mit allen Juden streben wir durch das Studium der
Schriften nach Erkenntnis. Sie umfassen die schriftliche
und die mündliche Thora sowie alle philosophischen und
literarischen Ausdrucksformen des jüdischen Geistes.
Torastudium soll in jeder Familie und muss in jeder
Generation so umfassend wie möglich stattfinden. Dies
erst ermöglicht uns jüdisches Leben und Handeln, um es
dann in verbindliche Lebenspraxis im Einklang mit der
Tora umzusetzen. Die Schriften sind uns eine Quelle der
Weisheit, aus der wir immer wieder schöpfen, um
Orientierung und geistige Anregung zu suchen.
6.
Uns eint das jüdische Lernen (talmud tora). Wir
halten die institutionelle und die familiäre
Unterweisung von Kindern und Erwachsenen in der jüdischen
Geschichte und Literatur, Gedankenwelt und Praxis sowie
in der hebräischen Schrift und Sprache für eine
Voraussetzung und Grundlage des jüdischen Lebens, damit
es von Generation zu Generation weiterbesteht.
7.
Uns eint das jüdische Bild vom Menschen. Der
Mensch ist geschaffen im Bild Gottes, er hat einen
freien Willen, er ist fähig, das Gute zu tun bis zum
Besten und das Böse bis zum Schlimmsten. Der Mensch ist
sterblich und trägt doch die Ewigkeit in sich. Der
Mensch steht in unmittelbarer und persönlicher
Beziehung zu seinem Schöpfer und kann diese Beziehung
durch Umkehr (teschuwa) erneuern, wenn sie gestört ist.
8.
Uns einen die Mitzwot. Wir sind den Weisungen
Gottes verpflichtet, ihren rituellen und ethischen
Geboten, die uns fortwährend an die Aufgabe des jüdischen
Volkes erinnern: nämlich ethisches Vorbild zu sein und
die Gebote praktisch und mit Gebet umzusetzen. Dies
bedeutet auch zu lernen und sich für eine bessere
Gesellschaft und den Erhalt der Schöpfung einzusetzen.
9.
Uns einen die ethischen Werte des Judentums. Zu
ihnen zählen die Ehrfurcht vor dem Leben, die Achtung
vor Menschen und ihr Recht auf unversehrtes Leben und
Besitz, die Pflicht zur Sorge um Arme und Kranke, das
Streben nach Frieden (schalom), Wohltätigkeit gegenüber
anderen (gmilut chassadim), gute Taten und soziale
Gerechtigkeit (zedaka). Als eigenverantwortliche
Partnerinnen und Partner in der Schöpfung haben wir gemäß
diesen Werten gegenüber der Umwelt und allen Geschöpfen,
die in ihr leben, zu handeln.
10.
Uns eint die jüdische Sicht auf das familiäre
Heim des Menschen als "kleines Heiligtum" (mikdasch
meat), das von der Schönheit des Heiligen erfüllt ist.
Hier können die Werte und Traditionen des Judentums am
besten vorgelebt, gelehrt und von Generation zu
Generation weitergegeben werden.
11.
Uns eint die Verpflichtung gegenüber der
Synagoge (bet haknesset) und der sie tragenden Gemeinde.
Sie ist das gemeinschaftlich geleitete jüdische
Zentrum. Sie hat eine dreifache Funktion: Sie ist ein
Haus des Gebets, Haus der Gemeinschaft und Haus des
Lernens.
12.
Uns eint die Bedeutung, die wir jüdischem Gebet
und jüdischem Gottesdienst in der Gemeinschaft
zumessen. Sie sind Wege, auf denen der Einzelne und die
Gemeinde immer wieder nach der Gegenwart Gottes suchen,
geistige Kraft aus der religiösen Tradition Israels schöpfen
und sich bewusst machen, wo sie Verantwortung übernehmen
müssen.
13.
Uns eint die Liturgie des jüdischen Gebets.
Unverzichtbare Bestandteile des jüdischen Gebets sind
das Sch'ma als Bekenntnis der Einzigkeit Gottes, die
Amida als zentrales Gebet, in dem wir Gott loben und
seine Hilfe erbitten sowie die öffentliche Lesung der
Tora. Hierzu treten eine Fülle von Segenssprüchen,
Gebeten, Liedern und Hymnen, die jüdische Weise,
Dichter und Mystiker in verschiedenen Ländern zu
unterschiedlichen Zeiten verfasst haben.
14.
Uns eint die Heiligung des Schabbat. Wir gedenken
des siebten Tages als Tag der Ruhe und Freude, des
Lernens und des Gebets. Wir feiern ihn durch
Arbeitsruhe, durch Gottesdienst, das Kerzenanzünden,
durch die Rituale von Kiddusch und Hawdala.
15.
Uns eint das Feiern der Feste des jüdischen
Kalenders. So begehen wir die Hohen Feiertage (Jamim
noraim) mit Rosch ha-Schana und Jom Kippur als Tage der
Besinnung, Umkehr und geistigen Erneuerung. An den drei
Wallfahrtsfesten (Pessach, Schawuot und Sukkot) feiern
wir Freiheit und Offenbarung. Am Schlußfest (Simchat
Thora) drücken wir unsere Liebe zur Tora aus. Wir
feiern Chanukka und fördern die Feier von Purim,
Tu-Bisch'wat) sowie der Fasttage wie Tischa be-Aw. Darüber
hinaus begehen wir Jom ha-Azma'ut und Jom ha-Scho'ah.
16.
Uns eint die Begleitung des jüdischen Lebens
durch religiöse Handlungen. Dazu gehören Beschneidung
(brit mila) und Namengebung nach der Geburt, Eintritt
ins Erwachsenenalter durch Bar-Mitzwa oder Bat-Mitzwa,
Hochzeit unter der Chuppa, die Einweihung eines Hauses,
schließlich Beerdigung und Trauer, die wir alle mit
einem religiösen Ritual in der jüdischen Tradition
begehen.
Besonderheiten
des liberalen Judentums
17.
Es gab nie einen Stillstand im Judentum, sondern
stets eine nach vorn strebende Bewegung, die manchmal
langsamer, manchmal schneller war. Die jüdische
Geschichte ist reich an Kontinuität und an Veränderung.
Selbst biblisch fixierte Gesetze wurden in der mündlichen
Tradition oder durch Ortsbrauch, Minhag, verändert oder
außer Kraft gesetzt. Beispiele hierfür sind die
Stellung zu Tieropfer, Kapitalstrafen, Polygamie,
Sklaverei, die Leviratsehe oder der Schuldenerlass im
siebten Jahr.
Wir erkennen den dynamischen, entwicklungsorientierten
Charakter unserer jüdischen Religion an, der bereits in
der Tradition angelegt ist. Wir möchten unsere jüdische
Tradition religiös leben und dabei die
Herausforderungen der Moderne im Kontext unserer Überlieferung
reflektieren.
18.
Das Judentum war nie einheitlich, sondern stets
pluralistisch. Wir achten die Vielfalt unserer
Tradition. Die heutige Auffächerung des Verständnisses
der Tradition in verschiedene Richtungen des Judentums
geht bereits auf Entwicklungen des 18. Jahrhunderts zurück.
Durch die Aufklärung wurde das jüdische Leben stark
verändert. Sie stellte grundlegende Fragen an den jüdischen
Glauben und seine Ausübung. Orthodoxe und liberale
Juden haben unterschiedliche Antworten auf diese Fragen
gefunden. Wir setzen uns für die wechselseitige Achtung
und Toleranz aller jüdischen Richtungen ein.
19.
Wir sind Teil der progressiven jüdischen
Gemeinden, die Millionen von Juden auf der Welt vereint.
20.
Die jüdische Tradition bewahrt eine Fülle von
verschiedenen Gedanken und Lehren, aus der wir noch
heute schöpfen und die unser religiöses Leben
bereichert. Persönlichkeiten, die mit ihrer Suche nach
einem lebendigem Judentum das liberale Judentum prägten
und von denen wir in besonderem Maße lernen, waren
unter anderem Abraham Geiger, David Einhorn, Leopold
Zunz, Kaufmann Kohler, Israel Jacobson, Martin Buber,
Leo Baeck, die erste Rabbinerin Regina Jonas sowie
unsere Zeitgenossen Pnina Navé Levinson und Schalom
Ben-Chorin.
21.
Im traditionellen Judentum gelten die heiligen
Schriften als unmittelbare Offenbarung, das heißt als
von Gott wörtlich eingegeben, eindeutig und unveränderbar.
Das liberale Judentum betrachtet die Schriften als
menschlichen Ausdruck einer existentiellen, religiösen
Erfahrung des jüdischen Volkes, in denen sich der eine
Gott offenbart. Die Autoren der hebräischen Bibel
spiegeln in ihren Schriften Zeugnisse einer spezifischen
Glaubenserfahrung und göttliche Inspiration. Wenn wir
uns heute mit diesen Schriften auseinandersetzen,
reflektieren wir diese Erfahrungen und Erkenntnisse im
Rahmen der jüdischen Auslegungstradition. Gleichzeitig
erkennen wir einen kritischen Umgang mit den Quellen und
moderne Methoden der Bibel- und Textauslegung an.
22.
Das traditionelle Judentum geht von dem Glauben
an einen Messias aus, der eines Tages alle Juden aus dem
Exil zusammenbringen und auf dem Thron einer
wiederhergestellten davidischen Monarchie sitzen würde.
Wir dagegen bekräftigen die Hoffnung der Propheten auf
ein universales, messianisches Zeitalter, das dadurch
entsteht, dass die gesamte Menschheit Gottes Willen
annimmt.
23.
Das traditionelle Judentum glaubt, dass der
Tempel wieder errichtet werden würde, wenn der Messias
kommt und die in der Bibel vorgeschriebenen Opfer dann
erneut von einer erblichen Priesterschaft durchgeführt
würden. Aus Trauer um die Zerstörung des Tempels
lehnte man Instrumentalmusik im Gottesdienst ab. Wir
haben die Auffassung, dass die Synagoge den Tempel und
das Gebet den Opferdienst auf Dauer ersetzt hat. Aus
diesem Grund unterscheiden wir nicht zwischen Personen
priesterlicher Abstammung (kohanim) und anderen Juden.
Instrumentalmusik im Gottesdienst lehnen wir wegen
dieser besonderen Bedeutung der Synagoge nicht ab.
24.
Wir treten für die Aufrichtigkeit (kawana) im
Gottesdienst ein. Wir können nicht mit dem Mund etwas
sagen, das unseren Herzen widerspricht (Ps 19,15). Daher
haben wir zwar die traditionelle jüdische Liturgie größtenteils
beibehalten, haben sie aber an wenigen Stellen durch
einige Auslassungen, Abänderungen und Erläuterungen
angepasst. Obwohl wir die Verwendung des Hebräischen
als einende Sprache im Gottesdienst fördern, verwenden
wir auch die Landessprache, um allen Jüdinnen und Juden
die aktive Teilnahme am Gottesdienst zu ermöglichen.
die Verwendung der Landessprache erfolgt im Einklang mit
der halachischen Tradition (Mischna Sota 7,1;
Maimonides, Mischne Thora Hilchot Berachot 1,6;
Schulchan Aruch Orach Chajjim 101,4).
25.
Wir bestehen auf der Gleichberechtigung von
Frauen und Männern im synagogalen Leben. Die
Reformbewegung in Mitteleuropa vererbt uns hier eine
Pionierrolle. In unseren Synagogen gibt es keine
Geschlechtertrennung. Frauen leiten Gottesdienste und
werden zur Tora aufgerufen (Talmud Megilla 23a;
Schulchan Aruch Orach Chajjim 282,3), sie werden zu
Rabbinerinnen ordiniert und können jedes Amt in der
Synagoge inne haben.
Damit widerspricht das liberale Judentum den
traditionellen Benachteiligungen der Frau wie dem
Verbot, als Zeugin vor einem rabbinischen Gericht
aufzutreten oder dem Verbot, das Kaddisch-Gebet zu
sprechen.
Ein besonderes Problem ist auch die Aguna ("die
gebundene Frau"). Hier handelt es sich um eine
verheiratete Frau, die nicht wieder heiraten kann, weil
kein Scheidebrief vorliegt oder weil der Tod ihres
Mannes nicht nachweisbar ist, z.B. bei Verschollenen, im
Krieg Gefallenen oder in der Scho'ah ermordeten Männer.
Das progressive Judentum versucht dieser traditionellen
Benachteiligung der Frauen durch eine zeitgemäße
Auslegung entgegenzuwirken.
26.
Wir achten auf die Gleichberechtigung von Mädchen
und Jungen bei der religiösen Erziehung. Deswegen haben
wir im letzten Jahrhundert neben der traditionellen
Bar-Mitzwa im Alter ab 13 Jahren die Bat-Mitzwa im Alter
ab 12 Jahren eingeführt.
27.
Wir sehen Männern und Frauen bei der Eheschließung
und in den Ehegesetzen als gleichberechtigt an. Braut
und Bräutigam spielen deshalb gleichermaßen eine
aktive Rolle während der Trauung. Die religiöse
Aufhebung einer Ehe sollte ebenso einvernehmlich
erfolgen. Deswegen haben wir den traditionellen Get
modifiziert, durch den der Ehemann einseitig seine Frau
"wegschickt".
28.
Wir achten den Grundsatz in Ezechiel 18, dass
Kinder nicht für die Taten ihrer Eltern verantwortlich
gemacht werden können. Wir lehnen daher das Gesetz des
"Mamser" ab, das die Nachkommen aus biblisch
verbotenen Verbindungen bestraft.
29.
Obwohl die Tora oft von der väterlichen
Abstammungslinie ausgeht, hat sich traditionell die mütterliche
Abstammungslinie durchgesetzt. Wir sehen die
Matrilinealität als traditionelles Merkmal der
Verbundenheit mit dem jüdischen Volk. Wir fördern
jedoch die Teilnahme am Gemeindeleben von Kindern, die
nur einen jüdischen Vater haben, um ihnen den Weg ins
Judentum zu erleichtern.
30.
Wir heißen Menschen gleichberechtigt willkommen,
die sich uns aus ehrlicher Absicht anschließen möchten.
Nach einer längeren Zeit jüdischen Lernens und der
Teilnahme am Leben der Gemeinde geschieht der Übertritt
vor einem Bet Din mit Brit Mila bzw. Mikwe und Gebet.
31.
Wir heißen in unseren Gemeinden alle Jüdinnen
und Juden willkommen, unabhängig von ihrem
Familienstand oder ihrer sexuellen Orientierung.
32.
Wir fühlen uns einem Leben nach den Mitzwot
verpflichtet. Dabei fordern wir von uns im Sinne eines
verantwortlichen, ethischen Verhaltens, dass die
Beachtung der Mitzwot im Einklang mit der Freiheit des
einzelnen Gewissens steht. Die Ausgestaltung dieser
religiösen Gebote ist eine Gewissensentscheidung des
Einzelnen. Für eine verantwortliche
Gewissensentscheidung ist es jedoch unerlässlich sich
stetig lernend mit den Anforderungen des Judentums
auseinander zusetzen. Wir bemühen uns also darum,
religiöse jüdische Tradition und Moderne in einen
sinnvollen Zusammenhang zu bringen.
33.
Wir treten für den universalen, ethischen
Anspruch der Propheten ein. Die Thora fordert von uns
verantwortliches Handeln zur Errichtung einer
friedlichen, gerechten und alle Menschen umfassenden
Gesellschaft.
34.
Die traditionelle Gesetzgebung der Rabbinen ist
nicht immer mit der heutigen sozialen Wirklichkeit und
zeitgenössischen ethischen Ansichten in Einklang zu
bringen. Deswegen feiern wir zum Beispiel die Feste
entsprechend ihrer in der Thora vorgeschriebenen Dauer
ohne die Verpflichtung zu einem zusätzlichen Feiertag,
der in nachbiblischer Zeit aus Gründen eingeführt
worden ist, die heute nicht mehr zutreffen. Aus dem
gleichen Grund lehnen wir - als weiteres Beispiel - auch
die veraltete Zeremonie der Chaliza ab, durch die ein
Schwager von der nominellen Pflicht entbunden wird, eine
nicht mehr erlaubte Leviratsehe einzugehen.
35.
Wir sind ganz dem Judentum verbunden und von
seiner Besonderheit überzeugt. Doch wir erkennen an,
dass die tiefste Wahrheit geheimnisvoll und komplex ist,
und dass andere Traditionen sie aufrichtig auf andere
Weisen suchen und für sich auch finden. Daher treten
wir für die Achtung anderer Religionen und den Respekt
vor ihnen ein. Deshalb bieten wir in Deutschland das
offene Gespräch besonders den mit uns historisch
verwandten monotheistischen Religionen Christentum und
Islam an, aber auch alle anderen laden wir zum Gespräch
ein. Wir wollen durch den Dialog mit unterschiedlichen
Glaubensformen und Religionen gegenseitigem Verständnis,
Freundschaft und Austausch fördern.
Herausgegeben von der Union Progressiver Juden in
Deutschland, Österreich und der Schweiz, Berlin 2001 |