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Wo war Gott?
von Rabbiner Dr.
Walter Rothschild
Schon die ersten Verse dieses
Wochenabschnitts der Tora geben Rätsel auf. Wir
sind am Anfang des Buches "Schemot"(hebr. für
'Namen') [1]. Das zweite
Buch der Tora fängt mit den Namen an, um die es
in den letzten Kapiteln des Buches "Bereschit"
ging: den elf Söhnen Jaakows
[2], die mit ihrem Vater nach Ägypten
gezogen sind und Joseph, der dort bereits zu
Rang und Würden gekommen war. Alle haben sich
offenbar mit ihren Familien in Ägypten dauerhaft
niedergelassen, neue Familien gegründet und sich
so stark vermehrt, „dass das Land von ihnen voll
war" [3]“. Der Text geht
zügig zu den Schwierigkeiten über, denen die
Israeliten nun - etliche Generationen später -
im ägyptischen Goschen ausgesetzt sind. Dabei
stellen sich mehrere schwerwiegende theologische
Fragen:
§
Wo war Gott in den vergangenen
Jahrhunderten?
§
Was wussten die Israeliten in
Mizraim [4] von ihrem Gott?
§
Warum wartete er bis die
Israeliten wegen der Unterdrückung durch die
Ägypter schrieen und weinten?
§
Warum ließ er zu, dass ihre
Kinder ermordet wurden?
§
Ist Gott vergesslich? Warum
musste er sich erst an seinen Bund
[5] mit Awraham erinnern?
Was ist zu Beginn dieses Buches
von dem Erzväterbund geblieben? Jitzhak hatte
ihn von Awraham [6] geerbt,
dessen Sohn Jaakow hat ihn sich trickreich
erschlichen, und Jaakow wiederum hat ihn ganz
offiziell an Ephraim, seinen Enkelsohn,
weitergereicht? Nur: von Ephraim hören wir
nichts mehr - sieht man einmal von der
symbolischen Bedeutung seines Namens ab: doppelt
fruchtbar. Ephraim ist zwischen dem ersten und
dem zweiten Buch der Tora verstorben – irgendwo
in Ägypten.
Jaakow verlangte noch, in Hebron
begraben zu werden [7], und
er wurde es auch [8]. Auch
Josef verfügte, seine Gebeine nach seinem Tod
irgendwann mumifiziert in sein Heimatland
zurückzubringen [9]. Das
Buch Joschua gibt Auskunft darüber, wo er seine
letzte Ruhe fand: dort, wo sein Vater ein
Grundstück gekauft hatte, in Schechem
[10]. Mehr haben wir
nicht. Über die Grabstellen der Brüder Josefs
wird uns nichts mitgeteilt. Wir erfahren auch
nicht, was die zahlreich gewordenen Kinder
Jisraels über ihre Stammesgeschichte gelernt
haben. Wir wissen nicht, was sie glauben, ob sie
überhaupt etwas vom "Gott Awrahams" verstehen.
All das aber hat Bedeutung für den Fortgang der
Geschichte, vor allem für Mosche
[11] und seinen Auftrag.
Er soll sie zu ermutigen, Ägypten zu verlassen.
Seinem Gott und in dessen Verheißungen müssen
sie vertrauen, das aber fällt ihnen schwer.
Nun, ganz ohne Wurzeln sind sie
nicht. Wir bekommen ein paar Hinweise aus dem
Text. Die zwei hebräischen Hebammen fürchten
Gott [12]. Aber was
bedeutet das? Was hat man ihnen beigebracht? Wer
hat es getan? Wenn sie etwas wussten, wussten es
die anderen auch? Hatten die Israeliten zu
dieser Zeit schon Priester? Oder Lehrer? Oder
haben die Erstgeborenen oder die 'Ältesten'
diese Aufgabe übernommen? Später im Buch - in
der Wüste – lesen wir [13],
dass die Israeliten etwas verstanden von
Götzenbildern und Opferritualen – woher auch
immer. Auch Mosche wusste Bescheid über die
technischen Finessen der Ritualien. Er wusste,
was gebraucht wird, wie die Priesterkleidung
auszusehen hat und auch, was zu tun ist, als
Gott ihm sagte: „Mache für mich einen Altar"
[14]. Gott muss Mosche
nicht erklären, was ein Altar ist und wofür er
zu benutzen ist – nur: wie er nicht sein soll
und wie er sich ihm zu nähern hat.
Wo also war Gott? Diese Frage ist
uns durchaus vertraut. Wo war Gott während der
Schoa? Gott hört alles, sagt der Volksmund. Aber
hört Gott auch zu? Wie laut muss man schreien,
wie schlimm muss die Situation sein, bevor er
etwas wirklich wahrnimmt? Das sind unbequeme
Fragen, aber sie liegen auf der Hand. Zurück zur
Geschichte: Die Israeliten sind in Ägypten keine
willkommene Gäste mehr. Sie werden gefürchtet,
es werden Maßnahmen ergriffen, um ihre Zahl mit
Gewalt zu begrenzen und zu reduzieren. Wir
kennen das Muster aus der Gegenwart. Zuerst
werden Ausländer als Gastarbeiter oder
Asylsuchende benötigt, und dann - dann werden
sie angeblich zu einer Last. Die Gesellschaft
sieht eine Gefahr in ihnen. Ob das stimmt oder
nicht ist nebensächlich. So werden sie gesehen.
Die Israeliten haben zwar einen
starken Verbündeten: Gott. Aber das hilft ihnen
offensichtlich nicht? Als ihre männlichen
Säuglinge in den Fluss geworfen wurden, greift
er nicht ein. Er lässt es geschehen, dass sein
Volk in die Sklaverei gerät und schwere
Fronarbeit verrichten muss. Es scheint ihn nicht
zu kümmern, dass die Familien der Israeliten
leiden und alle Hoffnung verlieren.
Dass Gott einen Plan hat, dem man
vertrauen kann, können eigentlich nur die
wissen, die 'das Buch des Bundes'
[15] bereits haben und mit
ihm vertraut sind. Die Israeliten in Ägypten
hatten die Tora noch nicht. Erst am Horeb,
mitten in der Wüste Sinai, wird sie ihnen
gegeben und vorgelesen. Dass Mosche ein Bote
Gottes war, war für die Generation derjenigen,
die den Exodus und vierzig Jahre Wüste
mitgemacht hat, nicht offensichtlich. Im
Gegenteil, Mosches Initiativen machten ihr Los
noch ärger – zunächst in Ägypten und dann auf
einer äußerst strapaziösen, jahrelangen
Wüstenwanderung. Dieses Volk, das mehrmals
seinen Unmut über die ihm manchmal ziellos
erscheinende Wanderung äußerte, sahen die
Rabbinen des Talmud eher negativ
[16]. Ich dagegen kann es
recht gut verstehen.
Es sieht so aus, als hätten wir
es heute leichter. Wir haben das Sedermahl, wir
haben Rituale der Erinnerung, wir haben die
Haggada. Wir können uns den Exodus - die
Geschichte vom Auszug aus Ägypten - nicht nur
erzählen – mit Happy End -, sondern sie selbst
noch ausgestalten und hübsch verpacken. Und
dabei schauen wir zurück. Wenn man selbst eine
Flucht durchlebt oder einen Krieg, dann weiß man
noch nicht, wie das ausgehen wird. Wer noch
mitten in einer Krise steckt, für den ist die
Zukunft unklar. Ich denke, diese verzweifelten
Israeliten haben mehr Verständnis verdient.
Und heute? Wo ist der Bund jetzt?
Was ist unsere Aufgabe? Wie haben wir diesen
Bund geerbt, und wie vererben wir ihn? Wie geben
wir ihn an die nächste Generation weiter, damit
diese nicht in die Wüste stehenbleibt? Es
bleiben viele Fragen offen!
Andere geläufige Bezeichnungen: 2. Buch
Mose, Buch Exodus
oder 'Jakob'
Exodus 1:7
hebr. für Ägypten
Genesis 15:7ff.,18ff.
oder 'Abraham'
Genesis 49:29
Genesis 50:7-14
Genesis 50:24ff.
Josua 24:32
oder 'Mose'
Exodus 1:15
Exodus 32:1-8
Exodus 20:21ff.
Exodus 24:7
Traktat Schabbat 88a
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