Zum Wochenabschnitt EMOR
Vom
Heiligen und den Spesen
von
Rabbiner Dr. Walter Rothschild
"Kein gewöhnlicher Mensch soll
etwas Heiliges essen“, gebietet die Tora
[1]. Eine irritierende Anweisung. Welches
Gericht, welches Tier, welches Gemüse ist für
sich genommen heilig? Was ist heilig überhaupt?
Das Wort hat in unserem Kulturkreis einen
magischen Klang. Ist es etwas ehrfurchtgebietend
Göttliches? Etwas, das uns zu Recht einen
„heiligen“ Schauer über den Rücken jagt?
Schon die nächsten Sätze lassen
uns ahnen, dass wir mit dieser gefühlten
Heiligkeit auf die falsche Fährte geraten sind.
Hier wird ganz formal unterschieden: „Der
Hausdiener eines Priesters und der Lohndiener
sollen nichts Heiliges essen. Wenn aber ein
Priester eine Person für Geld gekauft hat, so
kann sie davon essen. Auch in seinem Haus
geborene Sklaven können von seiner Speise
mitessen."[2]
Weiter steht dort, dass selbst die Tochter eines
Priesters, wenn sie „einen gewöhnlichen
Menschen heiratet"[3],
von der gemeinsamen Speise ausgeschlossen wird.
Sollte sie aber verwitwet oder geschieden sein
und in das Haus ihres Vaters zurückgekehrt sein,
dann zählt sie wieder zum Haushalt und darf von
„ihres Vaters Speise essen"[4].
Das klingt nun vollends
befremdlich; und doch lässt sich diese Art der
Differenzierung einfach erklären:
Dem Stamm der Leviten,
der die Priester stellte, war bei der
Aufteilung des Landes kein Gebiet zugewiesen
worden. Seine Mitglieder erhielten eine
besondere Aufgabe: Sie sollten von den Opfern
leben, die im Tempel erbracht wurden.[5]
Diese Opfer sind heilig: Sie repräsentieren das
Besondere, dass dem Alltäglichen, dem
Profanen
gegenüber steht. Den Priestern stand als
Einkommen in der Regel nur ein Anteil am
Heiligen zu. Deshalb war es nötig zu klären, wer
so abhängig von ihnen ist, dass er oder sie sich
ebenfalls von diesen Spenden für das Tempelopfer
ernähren dürfen.
Nehmen wir Beispiele aus der
Gegenwart: Wenn ich Spesen für eine Dienstreise
erstattet bekomme, kann ich dann einfach die
Kosten für meine Ehefrau, meinen Freund, andere
Bekannte oder meine Kinder auf die Rechnung
setzen, nur weil sie mich begleitet haben? Wenn
ich zu einer Konferenz eingeladen werde, darf
ich dann jemand mitnehmen und dem Veranstalter
die Kosten aufhalsen? Darf jemand, der eine
Dienstwohnung bewohnt, andere einladen, dort zu
wohnen und gar noch
Geld für die Untermiete nehmen? Wenn mein
Unternehmen oder mein Auftraggeber
wirtschaftlich gut dasteht, werden ihn die
Kosten für das Sandwich der Ehefrau oder das
Doppelzimmer nicht bankrott gehen lassen. Aber
ist das überhaupt eine ökonomische Frage? Ist es
nicht schon eine moralische?
Wer darf „Sonderleistungen“ und
Privilegien nutzen? Dafür braucht man Regeln.
Die sind besonders wichtig, wenn man für eine
karitative Organisation arbeitet, die von
Spenden lebt. Die Menschen erwarten, dass ihre
Gelder so eingesetzt werden, dass sie dem „guten
Zweck“ optimal dienen und nicht für einen
unangemessenen Verwaltungsapparat ausgegeben
werden oder dafür, dass sich die Chefs mit ihren
Begleitungen am Pool von Luxushotels vergnügen.
Das führt uns
wieder auf unseren Text zurück: Die Israeliten
gingen zum Tempel und lieferten ihre Opfer in
Form von Lebensmitteln ab: Tiere, Mehl,
Olivenöl, Gemüse oder Obst. Ein Teil war für
Gott bestimmt und wurde als Rauchopfer
verbrannt; in manchen Fällen ging sogar etwas an
die Spender zurück; ein dritter Teil aber
gehörte der Priesterschaft. Und das war die
Regel: Wer zum Haushalt des Priesters gehörte,
die Ehefrau, seine Kinder und Sklaven, durften
daran teilhaben. Hatten sie die Familie
verlassen, um Teil einer anderen zu werden,
durften sie an den Einnahmen der Priester nicht
mehr teilhaben. Kehrten sie zurück gehörten sie
wieder dazu. So einfach ist das!
Viele meinen, diese Details im
täglichen Ablauf des Tempeldiensts seien
langweilig. Ich nicht. Sicher, unsere Sprache
hat sich geändert und auch unsere Liturgie –
unser Opfer ist das Gebet. Aber wir können
trotzdem davon lernen. Menschen bleiben Menschen
und Organisationen bleiben Organisationen.
Manchmal muss man eben nur länger in die alten
Texte hineinschauen, um zu verstehen, das vieles
durchaus aktuell und
noch immer relevant ist.
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Böckler,
Annette (Hg.):
Die Tora
nach der Übersetzung von
Moses Mendelssohn mit den Prophetenlesungen im
Anhang
JVB, Berlin 2001, 528 S.
|
Plaut,
W. Gunther (Hg.):
Die Tora in jüdischer
Auslegung
Gütersloher Verlagshaus 1999 - 2004
Bd 1:
Bereschit / Genesis,
472 S.
Bd.2:
Schemot / Exodus,
480 S.
Bd.3:
Wajikra / Levitikus,
348 S.
Bd.4:
Bemidbar / Numeri,
374 S.
Bd.5:
Dewarim /
Deuteronomium, 446 S. |