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Den Weg bereiten!
von
Rabbiner Dr. Walter Rothschild
Wie mag er sich fühlen? Immerhin hat
Mosche [1]
mehr als vierzig Jahre seines Lebens damit
verbracht, die Israeliten aus der Sklaverei und
durch die Wüste zu führen. Aber nun, hier in der
Araba-Wüste, kurz vor dem Ziel, hilft ihm alles
Bitten nichts mehr. Auf sein flehentliches „Ich
möchte doch hinziehen und das schöne Land sehen,
das jenseits des Jordans liegt"[2]“
erhält er nur eine knappe Antwort: Kein Zutritt!
Schweig! Oder im Ton des Schrifttextes: „Genug!
fahre nicht fort, rede mir nicht mehr von dieser
Sache!"[3].
Der ganzen Generation derer, die mit Mosche aus
Ägypten ausgezogen waren[4],
bleibt der Weg über das Jordantal ins gelobte
Land verwehrt.
„Der Ewige ... zürnte mir euretwegen“
beklagt sich Mosche wiederholt in seiner letzten
Rede an das Volk[5].
Der Anlass für diese Klage liegt etwas zurück.
Es
geschah nachdem Miriam gestorben
war. In der Wüste Zin klagt das Volk wieder
einmal über Durst und über die Beschwernisse der
Wüstenwanderung. Gott fordert Mosche deshalb
auf, vor den Augen des Volkes mit einem Felsen
zu reden. Es werde Wasser herauskommen. Aber der
setzt lieber auf Handwerk, nimmt seinen Stab und
macht es so, wie es schon einmal bei anderer
Gelegenheit überzeugend funktioniert hat[6]:
Er schlägt den Felsen. Und tatsächlich, es kommt
Wasser heraus. Das Volk ist glücklich, Gott aber
nicht: “Weil ihr mir nicht geglaubt und nicht
meine Heiligkeit vor den Augen der Kinder
Israels gezeigt habt, darum sollt ihr diese
Gemeinde nicht in das Land bringen, das ich
ihnen gebe."[7]
Die Folge daraus: Alles
wird neu. Eine neue Generation wird
herausgefordert, etwas Neues zu wagen. Die alte
wird abgesetzt. Aaron stirbt, Nachfolger wird
sein eigener Sohn Eliezer[8].
Und auch Mosches Zukunft ist besiegelt.
Allerdings hat er noch einen Interims-Job am
Hals als 'geschäftsführende Regierung'. Führende
Politiker wissen wie das ist. Sie haben zwar
keine Lust mehr, nach einer Wahlniederlage als
'Lahme Enten' im Amt zu bleiben. Aber sie müssen
das Haus in Ordnung halten und die
Regierungsgeschäfte so lange wahrnehmen, bis die
nächste Regierung ihr Amt antritt. Das gehört
dazu. Sie können nicht einfach sagen: “Jetzt
habe ich kein Lust mehr, ich gehe nach Hause!”
Auch Mosche erweist sich
als Profi. Er stellt, obwohl er privat mit
seinem Schicksal hadert, seine persönlichen
Gefühle hinten an und dient den Interessen
seines Volkes. Bevor sein Job ausläuft, muss er
sogar noch einmal richtig arbeiten:
§
Mehrmals trägt Gott ihm
Botschaften auf: “Sage den Kindern Israels, wenn
sie in das Land kommen, dann...”
§
Er muss die Durchreise durch das
Gebiet der Moabiter aushandeln und dafür sorgen,
dass seine Männer damit aufhören, 'Unzucht' mit
den Moabiterinnen und Midianiterinnen zu
treiben.
§
Er muss das Volk noch einmal
zählen, und zwar all jene, die in das Land
einziehen dürfen.
§
Er muss Recht sprechen, als die
Töchter Zelophehads vor ihn treten.
§
Er muss den Israeliten erklären,
wie sie die Feiertage feiern sollen, wie und was
sie opfern sollen.
§
Er muss Militäroperationen gegen
den Midianiter anführen.
§
Er muss entscheiden, was zu tun
ist, als 2 1/2 Stämme erklären, sie möchten auf
der Ostseite des Jordans bleiben.
§
Er muss sogar die künftigen
Grenzen des Landes festlegen![9]
§
Und schließlich muss er seinen
Nachfolger Jehoschua[10]
'ordinieren' und ihn öffentlich ins Amt
einsetzen.[11]
Er dagegen muss seines
aufgeben![12]
Dafür ist er nun frei, seine eigene Meinung zu
äussern. Dies tut er in seiner letzten großen
Rede: Er mahnt die Israeliten, beschimpft sie,
spricht ihnen aber Mut zu für die großen
Ereignisse, die noch vor ihnen liegen. Er
berichtet, was er von Gott erfahren hat,
schildert es allerdings aus seiner eigener
Perspektive. Und dann zieht er sich zurück. Er
wird schließlich ruhig, allein, mit Ehre und mit
Würde sterben.
Oft erfährt man mehr über
eine führende Persönlichkeit, wenn man sieht,
wie dieser Mensch abtritt, wenn seine Zeit
gekommen ist. Mosche, der 40 Jahre lang in der
Wüste sowohl Gott als auch seinem Volk treu
gedient hat, geht, wie es sich gehört. Nachdem
sein Nachfolger im Amt bestätigt ist, überträgt
er ihm sein ganzes Wissen und alle wichtigen
Informationen.
Nicht jedem ist es
beschieden, das angestrebte Ziel selbst zu
erreichen – auch Mosche nicht. Aber jeder, der
den Weg dahin vorbereitet, der sein Feld
bestellt, und dann seinen Platz ordentlich
räumt, damit andere den Weg weitergehen und auf
dieser Basis neue Entscheidungen treffen können
- der hat wirklich Dank und Ehre verdient.
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