(anlässlich Chanukka 5766 [2005/2006])
Zufall?
Treidel
oder Gerechtigkeit!
von Rabbiner Dr.
Walter Rothschild
Je mehr ich darüber nachdenke, desto alberner kommt es mir vor, dass der Treidel (Dreidl,
Drendl, oder in Hebräisch "Sewiwon") zum Symbol von Chanukka geworden ist. Er war es auch nicht immer. Ursprünglich war das nur ein Spielzeug, um sich in langen Winternächten die Langeweile zu vertreiben. Überlegen Sie mal! Das ist ein Spiel in dem allein der Zufall bestimmt. Man braucht kein gutes Gedächtnis, muss nicht schnell reagieren können, man muss nichts können und nichts wissen. Es ist wie mit einem Würfel. Kein Spieler kann vorher sagen, wie er fällt. Kein Experte kann sagen mit welcher Geschwindigkeit der Treidel gedreht werden muss, damit die Schwerkraft ihn für einen Spieler günstig auskreiseln lässt. Bei Schach und selbst bei manchem Kartenspiel kann man strategisch und taktisch spielen. Beim Treidel dagegen entscheidet allein das Glück, ob man etwas gewinnt oder verliert, ob man etwas geben muss, etwas empfangen darf oder so oder so leer ausgeht. Es ist wie beim Roulette. Man beobachtet die letzten Drehungen und berauscht sich an der eigenen Aufregung. Aber man hat
kein Konzept, sondern nur die vage begründete Hoffnung "nächstes Mal vielleicht". Man hat eben keine Kontrolle über das Ding.
Funktioniert so die Religion? Ist das unser Judentum? Ein Glücksspiel? Ich denke nicht. Auch die Makkabäer vor 2100 Jahren glaubten nicht an den Zufall. Sie glaubten an den Glauben selber. Sie vertrauten auf Gott
(oder besser: Sie setzten ihr Vertrauen in Gott). Sie waren überzeugt, man muss etwas unternehmen, um gegen Ungerechtigkeit, Heuchelei und Machtmissbrauch zu kämpfen. Es darf
nicht nur dem Zufall überlassen bleiben, zu entscheiden, was im Leben geschieht und geschehen soll.
Chanukka ist heute für viele zu einem ziemlich oberflächlichen Fest der Freude verkommen. Man isst Sufganijot, ist guter Dinge, die Kinder erhalten Geschenke und Chanukka-Geld. Nun, ich bin kein Spielverderber. Der Winter ist eine düstere Zeit, und deshalb können wir fröhliche Feiern gebrauchen. Aber - Chanukka hat als
religiöses Fest eine völlig andere Bedeutung. Es geht darum, Kontrolle über die eigene Religion zu gewinnen. Erinnern wir uns an die Makkabäer: Wenn die eigenen religiösen Führer verführt sind, wenn sie in falsche Richtungen marschieren, wenn sie falschen Göttern anhängen, wenn sie korrupt und heuchlerisch ihre Macht missbrauchen - was sollen Gläubige dann tun? Schweigen und folgen, oder aufstehen und für Gerechtigkeit kämpfen?
Wir leben heute in einer Welt, in der religiöser Eifer und Intoleranz zu Recht einen sehr schlechten Ruf erworben haben. Extreme Frömmigkeit und mangelnde Flexibilität haben fürchterliches Leid hervorgerufen, und sie rufen es noch hervor. So etwas bedroht unsere liberalen Werte. Zu einem solchen Kampf rufe ich nicht auf! Um Himmels Willen, es geht nicht um Krieg! Es geht um Sie! Ich bitte Sie, schauen Sie in ihr eigenes Leben hinein, und fragen Sie sich selbst, ob alles in Ordnung ist. Wo sind die Funken des Glaubens in den finsteren Nächten noch zu sehen? Was können Sie selber machen, um mehr Licht in die dunkle Welt zu bringen!
Mit dem Treidel säkularisiert man ein Fest, das ursprünglich gegen den Säkularismus gerichtet war. Mit den Lichtern der Chanukkia demonstrieren wir, dass das Licht noch Aufgaben hat. Eine davon ist, zu leuchten, wo die Finsternis am dunkelsten ist.
Und das soll Zufall sein? |
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Böckler,
Annette (Hg.):
Die Tora
nach der Übersetzung von
Moses Mendelssohn mit den Prophetenlesungen im
Anhang
JVB, Berlin 2001, 528 S.
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Plaut,
W. Gunther (Hg.):
Die Tora in jüdischer
Auslegung
Gütersloher Verlagshaus 1999 - 2004
Bd 1:
Bereschit / Genesis,
472 S.
Bd.2:
Schemot / Exodus,
480 S.
Bd.3:
Wajikra / Levitikus,
348 S.
Bd.4:
Bemidbar / Numeri,
374 S.
Bd.5:
Dewarim /
Deuteronomium, 446 S. |