Pessach
ist nicht nur ein Fest der Freiheit, es ist auch
eines der Verantwortung. Wir lesen eine alte
Geschichte von einem Herrscher, der ein anderes
Volk versklavt hat. Er hat es unterdrückt, war
sogar zum massenhaften Kindermord bereit und
hoffte so, langsam aber sicher eine Art Genozid
durchzuführen. Wir lesen über die Plagen, wir
lernen die Grenzen von Diplomatie kennen und
sehen, dass es notwendig sein kann, zu
stärkeren Mitteln zu greifen.
Wir
stehen in einem Konflikt. Auf der eine Seite
dürfen wir als Juden nie vergessen, wie es war,
versklavt zu sein, fremd zu sein, schwach und
ohne Rechte zu sein. So war das damals im Land
des Pharao. Wir müssen deshalb stets anstreben,
uns selbst besser zu verhalten als jene, die uns
damals unterdrückt haben. Wahr ist aber auch,
dass bei aller Freude über unsere Befreiung,
andere dafür einen hohen Preis bezahlen mussten
– und es traf zwangsläufig nicht nur die
Schuldigen.
Über
den zuerst genannten Aspekt will ich hier nicht
viel schreiben. Es gibt viele Zitate dazu in
unserer Tora und in der Liturgie. Aber der
zweite Aspekt ist auch wichtig. Ich möchte
deshalb auf zwei interessante Bräuche in
unserer ‘Haggadah shel Pessach’ hinweisen,
unserem Gebet- und Geschichtsbuch für den
Sederabend.
Zum
ersten Brauch: Während wir die zehn Plagen
vorlesen, die den Pharao schließlich zwangen,
die Israeliten freizulassen, nehmen wir kein
Schlückchen Wein, statt dessen verschütten wir
mit dem Finger bei jeder Plage ein Tröpfchen.
Unser Glas ist nicht mehr voll. Mit anderen
Worten: Wir vermindern unsere Freude daran, weil
wir uns erinnern, dass unsere Freiheit für den
Pharao und sein Land enorme Kosten zur Folge
hatte.
Der
zweite Brauch ist - liturgisch betrachtet -
faszinierend, aber er wird im Allgemeinen
übersehen. Wir haben nämlich ein freudiges
Lied daraus gemacht. Im ‘Dajjenu’
sagen/singen wir: "Es wäre uns genug
gewesen, freizukommen, ohne dass die Ägypter
dafür so viel hätten leiden müssen." Das
heißt, wir distanzieren uns davon, wie es Gott
gerichtet hat. Wir übernehmen keine
Verantwortung dafür, was damals passiert ist.
Wir haben nicht um Rache gebeten, sagen wir, nur
um Befreiung.
Es
ist merkwürdig, der Text enthält eine Mischung
aus Dankbarkeit und Kritik. "Du hättest
das nicht alles für uns machen müssen, O Gott.
Ein Teil davon wäre schon genug gewesen, wir
wären damit zurechtgekommen. Thanks but no
thanks".
Die
Haggada wird normalerweise nur schnell
durchgeblättert: Die Kinder sind müde, die
Familie möchte so schnell wie möglich zur
Mahlzeit kommen. Die Teilnehmer am Tisch sind
meist nicht in der Stimmung, den ganzen Abend
mit Lesen zu verbringen – obwohl sie es
eigentlich sein sollten. Schade, der Inhalt
würde sorgfältiges Lesen lohnen. Was feiern
wir, und wie? Eines der Mitzwot für Pessach
verlangt, die Geschichte richtig auszulegen, sie
zu diskutieren, damit wir wissen, was wir
eigentlich feiern und weshalb. Gutes Essen gibt
es an vielen Abenden im Jahr - den Sederabend
gibt’s nur einmal: an Pessach!