Wochen-
abschnitt 

Pessach


1. Tag Pessach

In der Synagogengemeinde zu Halle lesen wir die Tora nach dem einjährigen Zyklus.


15. Nissan 5770
(30.März 2010)

Schemot/ Exodus (2. Buch Mose) 12:21 bis 51
Maftir: Bemidbar / Numeri (4. Buch Mose) 28:16-25

Haftara: Josua 5:2 - 6:1


(anlässlich Pessach 5765 [2005])

Ein Teil wäre genug gewesen

von Rabbiner Dr. Walter Rothschild

Pessach ist nicht nur ein Fest der Freiheit, es ist auch eines der Verantwortung. Wir lesen eine alte Geschichte von einem Herrscher, der ein anderes Volk versklavt hat. Er hat es unterdrückt, war sogar zum massenhaften Kindermord bereit und hoffte so, langsam aber sicher eine Art Genozid durchzuführen. Wir lesen über die Plagen, wir lernen die Grenzen von Diplomatie kennen und sehen, dass es notwendig sein kann, zu stärkeren Mitteln zu greifen.

Wir stehen in einem Konflikt. Auf der eine Seite dürfen wir als Juden nie vergessen, wie es war, versklavt zu sein, fremd zu sein, schwach und ohne Rechte zu sein. So war das damals im Land des Pharao. Wir müssen deshalb stets anstreben, uns selbst besser zu verhalten als jene, die uns damals unterdrückt haben. Wahr ist aber auch, dass bei aller Freude über unsere Befreiung, andere dafür einen hohen Preis bezahlen mussten – und es traf zwangsläufig nicht nur die Schuldigen.

Über den zuerst genannten Aspekt will ich hier nicht viel schreiben. Es gibt viele Zitate dazu in unserer Tora und in der Liturgie. Aber der zweite Aspekt ist auch wichtig. Ich möchte deshalb auf zwei interessante Bräuche in unserer ‘Haggadah shel Pessach’ hinweisen, unserem Gebet- und Geschichtsbuch für den Sederabend.

Zum ersten Brauch: Während wir die zehn Plagen vorlesen, die den Pharao schließlich zwangen, die Israeliten freizulassen, nehmen wir kein Schlückchen Wein, statt dessen verschütten wir mit dem Finger bei jeder Plage ein Tröpfchen. Unser Glas ist nicht mehr voll. Mit anderen Worten: Wir vermindern unsere Freude daran, weil wir uns erinnern, dass unsere Freiheit für den Pharao und sein Land enorme Kosten zur Folge hatte. 

Der zweite Brauch ist - liturgisch betrachtet - faszinierend, aber er wird im Allgemeinen übersehen. Wir haben nämlich ein freudiges Lied daraus gemacht. Im ‘Dajjenu’ sagen/singen wir: "Es wäre uns genug gewesen, freizukommen, ohne dass die Ägypter dafür so viel hätten leiden müssen." Das heißt, wir distanzieren uns davon, wie es Gott gerichtet hat. Wir übernehmen keine Verantwortung dafür, was damals passiert ist. Wir haben nicht um Rache gebeten, sagen wir, nur um Befreiung.

Es ist merkwürdig, der Text enthält eine Mischung aus Dankbarkeit und Kritik. "Du hättest das nicht alles für uns machen müssen, O Gott. Ein Teil davon wäre schon genug gewesen, wir wären damit zurechtgekommen. Thanks but no thanks".

Die Haggada wird normalerweise nur schnell durchgeblättert: Die Kinder sind müde, die Familie möchte so schnell wie möglich zur Mahlzeit kommen. Die Teilnehmer am Tisch sind meist nicht in der Stimmung, den ganzen Abend mit Lesen zu verbringen – obwohl sie es eigentlich sein sollten. Schade, der Inhalt würde sorgfältiges Lesen lohnen. Was feiern wir, und wie? Eines der Mitzwot für Pessach verlangt, die Geschichte richtig auszulegen, sie zu diskutieren, damit wir wissen, was wir eigentlich feiern und weshalb. Gutes Essen gibt es an vielen Abenden im Jahr - den Sederabend gibt’s nur einmal: an Pessach!


Tora-Ausgaben in deutscher Sprache


Böckler, Annette (Hg.):
Die Tora
nach der Übersetzung von Moses Mendelssohn mit den Prophetenlesungen im Anhang
JVB, Berlin 2001, 528 S.

Plaut, W. Gunther (Hg.):
Die Tora in jüdischer Auslegung
Gütersloher Verlagshaus 1999 - 2004
Bd 1: Bereschit / Genesis, 472 S.
Bd.2: Schemot / Exodus, 480 S.
Bd.3: Wajikra / Levitikus, 348 S.
Bd.4: Bemidbar / Numeri, 374 S.
Bd.5: Dewarim / Deuteronomium, 446 S.