Pessach
– das sind viele Feste in einem. Wir feiern
zum Beispiel den angebrochenen Frühling. Geht
man weit in die Geschichte zurück, dann standen
wohl zwei solche Feste am Anfang – ein bäuerliches
und eines der Hirten. Das eine begrüßte die
neue Weizenernte und das andere die jungen Lämmer.
Wir begrüßen den Frühling, einen Neuanfang,
einen Aufbruch. Wir werfen alles aus dem Schrank
was fermentiert, gesäuert und sauer ist. Nicht
nur Lebensmittel - Chametz,
sondern am besten auch gleich allen anderen Säuernisse:
die sauren Gefühle und die bitteren
Erinnerungen aus dem vergangenen Jahr.
Aber
Pessach ist vor allem ein Freiheitsfest. Wir
erinnern uns an der Befreiung der Sklaven aus Ägypten.
Gott befreite die Hebräer. Sie durften
auswandern - in die steinige Wüste Sinais. Eine
seltsame Befreiung? Es ist wahr, sie wurden nur
körperlich befreit. Das allerdings ist wichtig,
sogar sehr wichtig. Es ist die Voraussetzung für
alles Spätere.
In
ihren Köpfe jedoch blieb dieses geflüchtete
Volk weiterhin versklavt. In den folgenden
Monaten und Jahren in der Wüste hingen die
Israeliten nostalgisch an Erinnerungen: Sie
dachten ans gute Essen im Land Mizrajim, an die
imposanten Götzenbilder und an die alten
Hierarchien der Macht. Mose versuchte - mit
Gottes Hilfe - das Volk zu verändern. Gott
versuchte - mit Moses’ Hilfe - das Volk zu verändern.
Beide bemühten sich vergeblich! Es dauerte ein
ganze Generation bis die Köpfe der Israeliten
frei wurden. Erst dann waren sie in die Lage,
nicht nur Pyramiden und Speicher für ihre
Fronmeister zu bauen, sondern ein Land für sich
selber.
Freiheit
allein ist nicht genug. Sie bringt Verantwortung
mit sich. Es geht also nicht nur darum, unsere Körper
von Chametz
befreien. Wichtiger noch ist, dass unsere
Gedanken frei werden von Dummheit, von Ignoranz
und von der bequemen Bereitschaft, sich mit
Unzureichendem zufrieden zu geben. Die Juden in
Deutschland sind heute frei, aber längst nicht
alle sind befreit. Sie tragen noch immer die
Laster aus alten Zeiten mit sich herum: alte
Vorurteile, alte Erfahrungen, alte Konflikte.
Ihre Seelen sind noch gefangen.
Gott
führte uns aus Ägypten, nicht nur, um uns aus
der Zwangsarbeit zu befreien. Er machte uns
frei, um Gott zu dienen. Im Glauben an ihn
sollten wir ein freies jüdisches Volk werden.
Das war damals nicht einfach - auch für Gott
nicht, und es ist bis heute schwierig. Doch es
bleibt für uns in jeder Generation die
eigentliche Herausforderung.