Wochen-
abschnitt 

Pessach


2. Tag Pessach

In der Synagogengemeinde zu Halle lesen wir die Tora nach dem einjährigen Zyklus.


16. Nissan 5770
(31. März 2010)

1. Tag der Omerzeit
Wajikra/ Levitikus (3. Buch Mose) 22:26 bis 23:44
Maftir: Bemidbar/ Numeri (4. Buch Mose) 28:16 bis 25

Haftara: 2. Könige 23:1 - 21:25


(anlässlich Pessach 5766 [2006])

Von Chametz und Freiheit

von Rabbiner Dr. Walter Rothschild

Pessach – das sind viele Feste in einem. Wir feiern zum Beispiel den angebrochenen Frühling. Geht man weit in die Geschichte zurück, dann standen wohl zwei solche Feste am Anfang – ein bäuerliches und eines der Hirten. Das eine begrüßte die neue Weizenernte und das andere die jungen Lämmer. Wir begrüßen den Frühling, einen Neuanfang, einen Aufbruch. Wir werfen alles aus dem Schrank was fermentiert, gesäuert und sauer ist. Nicht nur Lebensmittel - Chametz, sondern am besten auch gleich allen anderen Säuernisse: die sauren Gefühle und die bitteren Erinnerungen aus dem vergangenen Jahr.

Aber Pessach ist vor allem ein Freiheitsfest. Wir erinnern uns an der Befreiung der Sklaven aus Ägypten. Gott befreite die Hebräer. Sie durften auswandern - in die steinige Wüste Sinais. Eine seltsame Befreiung? Es ist wahr, sie wurden nur körperlich befreit. Das allerdings ist wichtig, sogar sehr wichtig. Es ist die Voraussetzung für alles Spätere.

In ihren Köpfe jedoch blieb dieses geflüchtete Volk weiterhin versklavt. In den folgenden Monaten und Jahren in der Wüste hingen die Israeliten nostalgisch an Erinnerungen: Sie dachten ans gute Essen im Land Mizrajim, an die imposanten Götzenbilder und an die alten Hierarchien der Macht. Mose versuchte - mit Gottes Hilfe - das Volk zu verändern. Gott versuchte - mit Moses’ Hilfe - das Volk zu verändern. Beide bemühten sich vergeblich! Es dauerte ein ganze Generation bis die Köpfe der Israeliten frei wurden. Erst dann waren sie in die Lage, nicht nur Pyramiden und Speicher für ihre Fronmeister zu bauen, sondern ein Land für sich selber.

Freiheit allein ist nicht genug. Sie bringt Verantwortung mit sich. Es geht also nicht nur darum, unsere Körper von Chametz befreien. Wichtiger noch ist, dass unsere Gedanken frei werden von Dummheit, von Ignoranz und von der bequemen Bereitschaft, sich mit Unzureichendem zufrieden zu geben. Die Juden in Deutschland sind heute frei, aber längst nicht alle sind befreit. Sie tragen noch immer die Laster aus alten Zeiten mit sich herum: alte Vorurteile, alte Erfahrungen, alte Konflikte. Ihre Seelen sind noch gefangen.

Gott führte uns aus Ägypten, nicht nur, um uns aus der Zwangsarbeit zu befreien. Er machte uns frei, um Gott zu dienen. Im Glauben an ihn sollten wir ein freies jüdisches Volk werden. Das war damals nicht einfach - auch für Gott nicht, und es ist bis heute schwierig. Doch es bleibt für uns in jeder Generation die eigentliche Herausforderung.


Tora-Ausgaben in deutscher Sprache


Böckler, Annette (Hg.):
Die Tora
nach der Übersetzung von Moses Mendelssohn mit den Prophetenlesungen im Anhang
JVB, Berlin 2001, 528 S.

Plaut, W. Gunther (Hg.):
Die Tora in jüdischer Auslegung
Gütersloher Verlagshaus 1999 - 2004
Bd 1: Bereschit / Genesis, 472 S.
Bd.2: Schemot / Exodus, 480 S.
Bd.3: Wajikra / Levitikus, 348 S.
Bd.4: Bemidbar / Numeri, 374 S.
Bd.5: Dewarim / Deuteronomium, 446 S.