(anlässlich Pessach 5767 [2007])
Befreiung und Opfer
von Rabbiner Dr. Walter
Rothschild
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Ich komme gerade aus
Israel. Dort habe ich mir dort "Haggada schel
Pessach", eine Pessacherzählung gekauft. Sie ist
etwas anders als die üblichen: Sie versucht zu
erklären, wie Pessach gefeiert wurde als der
Tempel noch existierte. Geschichte und
Illustrationen schildern alle Gesetze und Riten,
die in der Tora dazu zu finden sind - mit
Priestern, Altar und Opfern. Sehr interessant,
sehr schöne Bilder - aber völlig irrelevant.
Warum? Weil wir keinen Tempel mehr haben und
rund 2000 Jahre lang auch keinen hatten! Und
trotzdem feiern wir Pessach!
Wieso? Ein Hinweis dazu
kann man im "Dajenu" Lied finden. Es ist ein
fröhliches Lied, das nach einem sich
wiederholenden Schema aufgebaut ist: Wenn jenes
geschehen wäre, aber etwas anderes nicht - dann
wäre es trotzdem genug gewesen. Es ist also ein
Lied, das uns lehrt, mit weniger zufrieden zu
sein. Damit wir "Genug!" sagen können und
unserer Habgier eine Grenze setzen. So geht es
bis zum Schluss. In der vorletzten Strophe heißt
es: "Wenn wir ein Land bekommen hätten, aber
keinen Tempel - auch das wäre genug gewesen
sein." Mit anderen Worten: Wir können auch ohne
Tempel als Juden leben!
Wie? Indem wir unsere
Befreiung feiern. Nicht nur die damals aus
Ägypten, sondern auch die heute, in der
Gegenwart. Denn in der Haggada steht auch, dass
uns in jeder Generation jemand versucht, uns zu
unterdrücken, und oft haben wir darunter
gelitten. Trotzdem: Es gibt uns noch - "Mir
seynen do"!
Es ist eine Mizwa, ein
Gebot, an Pessach, über Befreiung an sich
nachzudenken. Man soll sich an diesen Tagen
nicht nur deprimiert die Zeiten vergegenwärtigen
in denen wir versklavt oder unterdrückt waren –
dafür gibt es genügend andere Gelegenheiten –
nein, wir sollen an Befreiung denken: körperlich
oder innerlich, politisch oder persönlich. Und
jede und jeder Einzelne wird gewiss in jedem
Jahr eine neue Erfahrung machen: Befreiung aus
einem Land in dem die Behörden sehr
'unfreundlich' waren? Befreiung aus einem Job in
dem wir unzufrieden waren? Befreiung von einer
Sorge, einer Krankheit, einer unglücklichen Ehe
oder Beziehung, einer Angst, von Schulden, einer
Sucht? Es gibt unendlich viele Möglichkeiten.
Am Vorabend von Pessach,
an Erew Pessach, bringen wir heute kein
Lammopfer mehr dar. Wir erinnern uns an diese
alten Zeiten in dem wir ein Sandwich essen aus
Matzen (ungesäuertem Brot) und Maror
(Bitterkraut). Das steht symbolisch für die
Erinnerung an Flucht, an Armut, an bittere
Zeiten. Dafür nehmen wir uns Zeit – nicht
zuletzt, weil wir die Freiheit haben, sie uns zu
nehmen. Und wir erzählen von der Befreiung und
von der Freiheit.
Wir sprechen darüber,
was es uns bedeutet, nicht mehr versklavt zu
sein. Zeit ist unsere Art des Dankopfers: Keine
Eile, kein Drück. Gewiss, in der Haggada, einem
kleinen dünnen Buch, lesen wir über einen Teil
unserer Geschichte. Aber es ist eben nur ein
Bruchteil, der Rest kommt von uns.
Sind wir wirklich frei?
Wissen wir, unsere Freiheit zu schätzen und zu
genießen? Ich hoffe es, und wünsche allen, ein
fröhliches und befreiendes
Pessachfest.
Chag Kascher weSameach
!!!
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Es wäre
genug gewesen
(Dajenu)
Wie viele Wohltaten
hat die Gegenwart Gottes uns erwiesen!
Hätte Gott uns aus
Ägypten herausgeführt, ohne das Urteil
über Ägypten zu vollstrecken, wäre dies
bereits genug für uns gewesen.
Hätte Gott das Urteil
über Ägypten vollstreckt, ohne die
ägyptischen Götter zu besiegen, wäre
dies bereits genug für uns gewesen.
Hätte Gott die
ägyptischen Götter besiegt, ohne das
Meer zu teilen, wäre dies bereits genug
für uns gewesen.
Hätte Gott für uns das
Meer geteilt, ohne uns hindurchzuführen,
wäre dies bereits genug für uns gewesen.
Hätte Gott uns durch
das Meer geführt, ohne uns vierzig Jahre
in der Wüste zu versorgen, wäre dies
bereits genug für uns gewesen.
Hätte Gott uns vierzig
Jahre lang in der Wüste versorgt, ohne
uns mit Manna zu speisen, wäre dies
bereits genug für uns gewesen.
Hätte Gott uns mit
Manna gespeist, ohne uns den Schabbat zu
geben, wäre dies bereits genug für uns
gewesen.
Hätte Gott uns den
Schabbat gegeben, ohne uns zum Sinai zu
bringen, wäre dies bereits genug für uns
gewesen.
Hätte Gott uns zum
Sinai gebracht, ohne uns die Tora zu
geben, wäre dies bereits genug für uns
gewesen.
Hätte Gott uns in das
Land Israel gebracht, ohne den Tempel
für uns zu errichten, wäre dies bereits
genug für uns gewesen.
Wie viele und
vielfältige Wohltaten begründen die
Beziehung zwischen uns und Gott - Gottes
Gegenwart ist überall -, denn Gott hat
alle diese Wunder für uns getan, vom
Auszug aus Ägypten bis zur Errichtung
des Tempels.
Text aus:
Die Pessach Haggada, hrg. von
Michael Shire, Jüdische Verlagsanstalt
Berlin, ISBN 3-934658-82-2 |
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Tora-Ausgaben
in deutscher Sprache
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Böckler,
Annette (Hg.):
Die Tora
nach der Übersetzung von
Moses Mendelssohn mit den Prophetenlesungen im
Anhang
JVB, Berlin 2001, 528 S.
|
Plaut,
W. Gunther (Hg.):
Die Tora in jüdischer
Auslegung
Gütersloher Verlagshaus 1999 - 2004
Bd 1:
Bereschit / Genesis,
472 S.
Bd.2:
Schemot / Exodus,
480 S.
Bd.3:
Wajikra / Levitikus,
348 S.
Bd.4:
Bemidbar / Numeri,
374 S.
Bd.5:
Dewarim /
Deuteronomium, 446 S. |
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