Lesung

Purim

Kommentare 2005 - 2008

In der Synagogengemeinde zu Halle lesen wir die Tora nach dem einjährigen Zyklus.

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14. Adar 5770
(28. Februar 2010)

Exodus 17, 8 - 16; Megillat Esther

(K)ein Märchen zu Purim Nichts Neues
unter der Sonne
Wir sind noch da! Unterscheiden - und nicht unterscheiden können

(anlässlich Purim 5765 [2005])

(K)ein Märchen zu Purim

von Rabbiner Dr. Walter Rothschild

Doch, zuerst ein Märchen! Eine der bizarrsten, fantastischsten und unglaublichsten Phantasien die über den Zweiten Weltkrieg zirkulieren - jedenfalls in meinem Kopf - erzählt, dass Eva Braun eine geheime Halbjüdin war. Als sie davon erfuhr, was auf der Wannseekonferenz 1942 entschieden worden war, ging sie zu Adolf Hitler und überzeugte ihn, seine Pläne für die Juden und die sogenannte Endlösung der Judenfrage radikal zu ändern. Nach einigen dramatischen Spitzentreffen in Berchtesgaden, änderte Hitler seine Politik um 180 Grad: Er befahl die Hinrichtung Himmlers und ließ ihn in Plötzensee mit zwölf seiner SS-Generäle aufhängen. Außerdem beauftragte er die Reichsvertretung der Juden in Deutschland, alle NSDAP Filialen in Stadt und Land zu schließen, wenn nötig mit Gewalt. Viele prominente Nazis wurden verhaftet. Sie wurden in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Oranienburg eingeliefert - und kamen nie wieder heraus. Der Holocaust fand nicht statt, die Juden waren gerettet, und Mordechai ben Jehuda wurde zum neuen Vizepräsidenten des Reichstages ernannt. Hitler war ihm dankbar. Bis dahin verborgene Quellen im Nato-Hauptquartier machten nämlich offenbar, dass er Jahre zuvor einen Putschversuch von Ernst Röhm und Martin Bormann den Behörden gemeldet und damit Hitler’s Leben gerettet hatte. Da Mordechai ben Jehuda Jude war war das bis dahin geheim gehalten worden. Jetzt, aber wurde die ganze bürokratische Apparatur des Reichs eingesetzt, um sicherzustellen, dass fortan Juden als geachtete und geschützte Bürger leben und einige Privilegien genießen konnten. 

Leider hat die Geschichte einen anderen Verlauf genommen. Und deshalb ist es auch strafbar, zu behaupten, der Holocaust hätte nie stattgefunden! Trotzdem, man braucht nur in die Esther-Rolle zu schauen, in die "Megillat Esther", um eine Geschichte zu finden, die so viele Parallelen birgt, dass es einem den Atem raubt - jede Menge Intrigen auf hohem Niveau in einen totalitären und tyrannisch zentralisierten Staatssystem. Ein Tyrann ist bereit, einen Großteil der Bevölkerung seines Reiches zu massakrieren, weil - ja, weshalb eigentlich? - weil seine Berater diese Menschen nicht mögen, weil er selbst keine Geduld hat oder einfach keinen Verstand. Und eine Menge Beamte sind bereit, dafür als gehorsame Schreibtischtäter, Dokumente und Befehle vorzubereiten, sie zu vervielfachen und auf den Weg zu bringen.

Und dann in allerletzter Minute naht die Rettung: Die Täter werden als brutale Kriminelle enttarnt, sie werden eliminiert und die Juden gerettet. Die ganze Staatsmaschinerie - Bürokraten, Post und Verkehrsnetz, Meldedienst, alle, die zuvor bereit waren, Befehlen zu folgen, die die Juden isolieren, schwächen und vernichten sollten, erhalten jetzt Anordnungen, exakt das Gegenteil zu tun: Juden bekommen sogar Waffen und die Erlaubnis, sich gegen ihre Feinde zu wehren. Und alles ist scheinbar nur Zufall - oder ein gutes ‘Timing’. Gott ist abwesend, er mischt sich nicht ein - er wird nicht einmal erwähnt (jedenfalls nicht in der hebräischen Version des Esther-Buches). Diese Abwesenheit ist irritierend. 

Die Rabbinen haben lange darüber diskutiert, ob sie es in den Tanach aufnehmen sollen. Denn: Die Juden wurden "nur" gerettet,  weil sich die richtige Frau am rechten Ort zur rechten Zeit befand. Eine, die bereit und in der Lage war, einen brutalen, närrischen und rachsüchtigen Herrscher zu beeinflussen, und eine, die über die richtigen "Kontakte" zur Außenwelt verfügte, der sie geheime Briefe zukommen lassen konnte. Es ist also keine schöne märchenhafte Geschichte. 

Dennoch: Ich persönlich betrachte Purim als eines der wichtigsten und bedeutungsvollsten jüdischen Feiertage. Zugegeben, technisch gesehen ist es nur einen "kleiner" Feiertag. Er ist spät in den jüdischen Kalender aufgenommen worden und hat als liturgische Besonderheiten nur das "Al Ha-Nissim"-Gebet und den Auftrag, unter großen Jubel die Megilla zu lesen. Beschrieben wird aber eine Gesellschaft, die den Unterschied nicht kennt zwischen Gut und Böse: Die Schwachen werden hemmungslos von den Starken ausgebeutet und ausgenutzt. Was für einen furchtbarer Gedanke! 

Hoffentlich finden wir so etwas nicht in unseren Gemeinden! Es war vielleicht kein Zufall, dass die Rabbinen einst entschieden, dass ein solch furchtbares Konzept nur betrunken zu ertragen ist, so betrunken, dass wir nicht mehr in der Lage sind, zwischen Segen und Fluch zu unterscheiden. .... Für einen Tag, und NUR für einen Tag, werden wir aufgefordert uns sinnlos zu betrinken. Es wird uns sogar befohlen, dass wir - ja - genau wie "die anderen" sind. 

Es hat deshalb nichts mit einem Wunder zu tun, wenn wir an diesem Tag für die Kinder eine schöne Party veranstalten, wo sie sich verkleiden  und Theater spielen können - ein solcher Tag an dem Juden Masken tragen, ihren Identität wechseln, und den Alkohol fließen lassen!


Anlässlich Purim 5766 (2006)

Nichts Neues unter der Sonne

von Rabbiner Dr. Walter Rothschild

"Und es war ein Staatsoberhaupt im Iran, das sagte, Israel solle von der Landkarte verschwinden, und alle Juden dort, Männer, Frauen und Kinder sollten mit einem Schlag vernichtet werden." So etwa beginnt ein neuer Text in unserer Geschichte. Wieder einmal hat kaum einer etwas gemerkt - außer den Juden. Erst spät, fast zu spät wurde der Welt deutlich, dass da ein verrückter Machthaber mit mächtigen Waffen spielt. Es sind welche, die auch anderen gefährlich werden können:  Journalisten, Karikaturisten, Diplomaten, Christen, Europäern. Sogar Nationen, die eigentlich nur Butter und Joghurt verkaufen möchten. 

Wie sagt der Prediger? "Es gibt nichts Neues unter der Sonne"1) . So eine Geschichte haben wir jedenfalls schon mal gehört. Das Buch Esther erzählt vom König Achaschwerosch2) . Er herrschte im 5. Jahrhundert v.Z. in Persien. Von seinem Günstling Haman ließ er sich überreden, der Vernichtung aller Juden in seinem Königreich zuzustimmen. Fast wäre Haman erfolgreich gewesen. In allen Winkeln dieses riesigen persischen Imperiums mit seinen 127 Provinzen wusste man bereits, dass an einem bestimmten Tag alle jüdischen Männer, Frauen und Kinder ermordet werden sollten - ohne Ausnahme, ohne Ausrede und ohne Ausweg. Keiner unternahm etwas dagegen. Doch der Wind drehte sich, die Intrige richtete sich gegen ihren Urheber. Nur wegen einer hübschen jüdischen Agentin am Hof? Oder - weil Gott es so wollte? Was möchten wir lieber glauben?

Wegen dieses Ereignisses feiern wir Purim. Wir hoffen, dass sich eine solche Bedrohung nicht wiederholt, wissend, dass es in unserer Geschichte viele Ereignisse gab, wo jemand sagte "Weg mit den Juden!" und diese dafür Verachtung, Vertreibung und Vernichtung erfahren mussten.

Wir feiern, in dem wir diese Esther-Geschichte lesen. Wir schreien "Buh!" wenn der böse Haman erwähnt wird. Wir essen Hamantaschen. Und - für einen Tag im ganzen Jahr, für einen einzigen Tag, ist es uns erlaubt, ja sogar befohlen, viel, viel zu viel Alkohol zu trinken. Diese Erlaubnis dient einem Erlebnis. Wir sollen betrunken werden, so betrunken, dass wir zwischen Gut und Böse nicht mehr unterscheiden können. Gerade so, wie so viele andere dumme Menschen auch.

Eigentlich ein trauriges Fest - wenn man bedenkt, dass es noch immer solche Verrückten gibt. Und neben ihnen Menschen, die die Bedrohung nicht wahrnehmen!


Anlässlich Purim 5767 (2007)

Wir sind noch da!

von Rabbiner Dr. Walter Rothschild

An „Purim“ feiern wir einen Sieg. Keinen Kompromiss, keinen Friedensvertrag, keinen Teilungsplan – nein, wir erinnern uns an einen Sieg und feiern ihn. Es gab Tote, viele Tote sogar - aber ausnahmsweise waren es mal nicht unsere.

Manche haben Probleme mit diesem Fest. Diese Geschichte, sagen sie, sei zu brutal. Sie sei unglaublich. Wie konnten die Juden nur solche Rache nehmen an den armen Persern? Sie denken zum Beispiel an die Verse 5 und 6 im Kapitel 9 des Buches Esther: „Und es schlugen die Jehudim unter all ihren Feinden Schläge des Schwertes und des Würgens und der Vernichtung, und taten an ihren Feinden nach Herzenslust. Und in Schuschan der Burg erschlugen die Jehudim und vernichteten fünf hundert Mann."*) Und ein paar Verse weiter wird ergänzt, dass auch die zehn Söhne Hamans hingerichtet werden mussten.

Die Esther-Rolle zählt alles säuberlich auf! Wir haben keine Ahnung, wie viele Juden Haman im ganzen persischen Reich mit seinen 127 Provinzen zum Opfer gefallen wären, hätte er seinen Weg gehen und seine Wünsche durchsetzen können – er wollte jedenfalls alle vertilgen (Esther 3 Vers 6). Die Juden dagegen – so wird berichtet - töteten Männer aber keine Frauen und Kinder. Und zweimal wird im Text betont: "aber nach der Beute streckten sie nicht ihre Hand"*) (Vers 10 & 15). Am zweiten Tag erschlugen sie noch 300 in der Burg Schuschan (Susa), und im Reste des Reichs 75.000 - und wieder (zum dritten Mal) wird gesagt, sie streckten ihre Hände nicht nach der Beute. (Kap. 9 Vers 16).

Es war also kein Raubmord. Es war auch kein rassistisch-motivierter Genozid. Und es war eigentlich auch kein Rachefeldzug. Nach dieser Überlieferung starben keine unschuldigen Mitläufer oder etwa Menschen, die zufällig dabei waren. Für die Juden ging es damals ums Überleben. Mit Hilfe des Staates konnten sie endlich die, die sie mit Vernichtung bedroht hatten, selber "erledigen". Aber nur diese, keine anderen. So steht es in Kapitel 9 Vers 16: "Wa’amod al-Nafscham" - "Sie standen für ihr Leben, und schafften sich Ruhe vor ihren Feinden."*)

Die historisch-kritische Forschung bezweifelt, dass das Esther wirklich historisch ist und meint, typische Märchenmotive entdecken zu können. Das Buch Esther wäre danach ein märchenhaftes Lehrwerk, eines, das gut tut, wenn man in der Diaspora lebt und fortwährend bedroht wird. Mir dagegen kommt das Buch Esther authentisch vor. In einer Zeit, in der wieder ein Staatsoberhaupt aus Persien bzw. dem Iran in aller Öffentlichkeit den Wunsch formuliert, alle Juden auszulöschen und alle Bewohner des Staates Israels (ob Juden, Christen oder Muslime!!) zu vernichten - wie kann ich da der Megillat Esther nicht glauben?

Wichtig ist etwas anderes: Es gibt einen ganz großen Unterschied zwischen einem Genozid und dem gezielten Angriff auf echte Feinde. Die Feinde - Achaschwerosch und seine Diener - waren bereit, Männer, Frauen und Kinder, Jung und Alt, alle Juden (!), auszulöschen - an einem Tag, einfach so! Egal, wer sie waren, welchen Verdienste sie für den Staat erworben hatten, ob sie fromm waren, arm oder reich, gebildet oder nicht. Alle wurden als "Ausländer" und "Untermenschen" eingestuft und sollten ausgerottet werden. Die Juden aber verteidigten sich. Sie wussten recht genau, wer ihre Feinde waren. So berichtet es der Text der Megillat Esther.

Also - wir feiern. Mit Karnevalsmasken und Alkohol, mit Hamantaschen oder anderen Leckereien, mit Musik und Tanz, mit einer Lesung aus diesem merkwürdigen Buch. Es gibt einen Grund zu feiern. "Mir senen do" - Wir sind noch hier!

Im Hawdalah-Gottesdienst am Schabbatausgang wird ein Vers aus der Megilla (Kapitel 8 Vers 16) zitiert: "LaJehudim hajta Ora, weSimcha weSasson V’Ikar!" - "Bei den Jehudim war Licht und Freude und Lust und Ehre".*) Sie waren wieder angesehene Leute. Dazu ergänzte der anonyme Liturg den frommen Wünsch: "Kejn tihjeh lanu!" - "So geschehe es auch uns!"

Was kann man mehr sagen?

 

*) Die Zitate aus der Esther-Rolle entstammen dieser Ausgabe der hebräischen Bibel:
Die vierundzwanzig Bücher der Heiligen Schrift, übersetzt von Leopold Zunz,
Victor Goldschmidt Verlag, Basel 1980


Anlässlich Purim 5768 (2008)

Unterscheiden - und nicht unterscheiden können

von Rabbiner Dr. Walter Rothschild

Bei einem Bet Din (Rabbinergericht) stelle ich gern diese Scherzfrage: "Wie haben Sie letztes Jahr Purim gefeiert?" Natürlich kramen die Kandidaten sofort ihr Wissen zusammen und berichten von Megilla (Schriftrolle), Hamantaschen (Purim-Gebäck), Lärm oder Masken. Die richtige Antwort aber lautet anders: "Ich kann mich nicht erinnern, ich war total betrunken!"

Und tatsächlich, es gibt diese merkwürdige Mitzwa, dieses rabbinische Gebot, sich an diesem Fest zu betrinken. Zugegeben, für alkoholkranke oder -labile Menschen und ihre Familien ist das weder lustig noch ratsam, und das muss man unbedingt respektieren! Aber im Prinzip gilt: An Purim ist nahezu alles gestattet, was man üblicherweise nicht machen sollte: Autoritäten verspotten, Krach in der Synagoge veranstalten, sich albern verkleiden, und - sich betrinken.

Nun ja: Eigentlich ist es eher ein Minhag (ein Brauch) und weniger eine Mitzwa. Trotzdem: Die Rabbinen sagen, dass man sich betrinken soll bis man den Unterschied nicht mehr erkennen kann, zwischen „Gesegnet sei Mordechai“ und „Verflucht sei Haman“ ("Ad lo yadah bejn Baruch Mordechau y‚Arur Haman)". Fällt Ihnen etwas auf? Es wird alles auf den Kopf gestellt. Warum?

Versuchen wir eine andere Überlegung. Sie werden es auch schon bemerkt haben: Es gibt immer noch Menschen die nicht unterscheiden können  ...

o       zwischen einer pluralistischen, streitbaren Demokratie und einem Regime aus fanatischen Fundamentalisten, die zu Terror erziehen, ihn predigen und fördern, oder 

o      zwischen Verhandlungen, die beiden Seiten Frieden, Entwicklungsmöglichkeiten und Sicherheit bringen sollen, und dem Ansinnen, nationalen Selbstmord zu betreiben.

Dafür sind sie überzeugt,  ...

o       dass der Nationalismus der Palästinenser eine gute Sache ist, während sie der jüdischen Selbstbehauptung in einem eigenen Staat 'Imperialismus' vorwerfen und diesen deshalb verachten und bekämpfen,

o       dass Israel unschuldige, unbewaffnete Palästinenser kollektiv bestraft, nur weil es gezielt jene Wohngebiete und Häuser attackiert, aus denen bereits mehrere Tausend Raketen auf israelische Städte und Gemeinden geschossen wurden,

o       dass es angemessen ist, israelische Produkte, israelische Akademiker und israelische Politiker zu boykottieren und überdies jeden Juden in Deutschland auch noch für die Innen-, Außen- und Verteidigungspolitik Israels verantwortlich machen.

Auch unter denen, die überall auf der Welt laut Freiheitsparolen rufen und sich gegen Ausgrenzung und 'Apartheid’ engagieren, gibt es eine Menge dummer Menschen, die den Unterschied zwischen Gut und Böse oder zwischen Segen und Fluch nicht zu erkennen vermögen. Es wäre schön, man könnte sagen, "Es ist nur so, weil sie besoffen sind". Aber leider ist es nicht so.

Um sie verstehen zu können, müssen wir uns auf ihr Niveau begeben. Dafür braucht man Hilfe. Alkohol ist ein solches Hilfsmittel. Den Rest des Jahres braucht man einen klaren Kopf, um solch gefährlichen Menschen begegnen zu können und ihnen Paroli zu bieten. Aber einmal im Jahr darf man ausnahmsweise eine andere Methode probieren. Immerhin, man lebt noch!


Tora-Ausgaben in deutscher Sprache


Böckler, Annette (Hg.):
Die Tora
nach der Übersetzung von Moses Mendelssohn mit den Prophetenlesungen im Anhang
JVB, Berlin 2001, 528 S.

Plaut, W. Gunther (Hg.):
Die Tora in jüdischer Auslegung
Gütersloher Verlagshaus 1999 - 2004
Bd 1: Bereschit / Genesis, 472 S.
Bd.2: Schemot / Exodus, 480 S.
Bd.3: Wajikra / Levitikus, 348 S.
Bd.4: Bemidbar / Numeri, 374 S.
Bd.5: Dewarim / Deuteronomium, 446 S.