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(anlässlich Purim 5765 [2005])
(K)ein
Märchen zu Purim
von Rabbiner Dr.
Walter Rothschild
Doch,
zuerst
ein Märchen! Eine der bizarrsten,
fantastischsten und unglaublichsten Phantasien
die über den Zweiten Weltkrieg zirkulieren -
jedenfalls in meinem Kopf - erzählt, dass Eva
Braun eine geheime Halbjüdin war. Als sie davon
erfuhr, was auf der Wannseekonferenz 1942
entschieden worden war, ging sie zu Adolf Hitler
und überzeugte ihn, seine Pläne für die Juden
und die sogenannte Endlösung der Judenfrage
radikal zu ändern. Nach einigen dramatischen
Spitzentreffen in Berchtesgaden, änderte Hitler
seine Politik um 180 Grad: Er befahl die
Hinrichtung Himmlers und ließ ihn in
Plötzensee mit zwölf seiner SS-Generäle
aufhängen. Außerdem beauftragte er die
Reichsvertretung der Juden in Deutschland, alle
NSDAP Filialen in Stadt und Land zu schließen,
wenn nötig mit Gewalt. Viele prominente Nazis
wurden verhaftet. Sie wurden in die
Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und
Oranienburg eingeliefert - und kamen nie wieder
heraus. Der Holocaust
fand nicht statt, die Juden waren gerettet, und
Mordechai ben Jehuda wurde zum neuen
Vizepräsidenten des Reichstages ernannt. Hitler
war ihm dankbar. Bis dahin verborgene Quellen im
Nato-Hauptquartier machten nämlich offenbar,
dass er Jahre zuvor einen Putschversuch von
Ernst Röhm und Martin Bormann den Behörden
gemeldet und damit Hitler’s Leben gerettet
hatte. Da Mordechai ben Jehuda Jude war war das
bis dahin geheim gehalten worden. Jetzt, aber
wurde die ganze bürokratische Apparatur des
Reichs eingesetzt, um sicherzustellen, dass
fortan Juden als geachtete und geschützte
Bürger leben und einige Privilegien genießen
konnten.
Leider
hat die Geschichte einen anderen Verlauf genommen. Und deshalb
ist es auch strafbar, zu behaupten, der Holocaust hätte nie
stattgefunden! Trotzdem, man braucht nur in die Esther-Rolle zu
schauen, in die "Megillat Esther", um eine Geschichte
zu finden, die so viele Parallelen birgt, dass es einem den Atem
raubt - jede Menge Intrigen auf hohem Niveau in einen
totalitären und tyrannisch zentralisierten Staatssystem. Ein
Tyrann ist bereit, einen Großteil der Bevölkerung seines
Reiches zu massakrieren, weil - ja, weshalb eigentlich? - weil
seine Berater diese Menschen nicht mögen, weil er selbst keine
Geduld hat oder einfach keinen Verstand. Und eine Menge Beamte
sind bereit, dafür als gehorsame Schreibtischtäter, Dokumente
und Befehle vorzubereiten, sie zu vervielfachen und auf den Weg
zu bringen.
Und
dann in allerletzter Minute naht die Rettung: Die Täter werden
als brutale Kriminelle enttarnt, sie werden eliminiert und die
Juden gerettet. Die ganze Staatsmaschinerie - Bürokraten, Post
und Verkehrsnetz, Meldedienst, alle, die zuvor bereit waren,
Befehlen zu folgen, die die Juden isolieren, schwächen und
vernichten sollten, erhalten jetzt Anordnungen, exakt das
Gegenteil zu tun: Juden bekommen sogar Waffen und die Erlaubnis,
sich gegen ihre Feinde zu wehren. Und alles ist scheinbar nur
Zufall - oder ein gutes ‘Timing’. Gott ist abwesend, er
mischt sich nicht ein - er wird nicht einmal erwähnt
(jedenfalls nicht in der hebräischen Version des
Esther-Buches). Diese Abwesenheit ist irritierend.
Die
Rabbinen haben lange darüber diskutiert, ob sie es in den
Tanach aufnehmen sollen. Denn: Die Juden wurden "nur"
gerettet, weil sich die richtige Frau am rechten Ort zur
rechten Zeit befand. Eine, die bereit und in der Lage war, einen
brutalen, närrischen und rachsüchtigen Herrscher zu
beeinflussen, und eine, die über die richtigen
"Kontakte" zur Außenwelt verfügte, der sie geheime
Briefe zukommen lassen konnte. Es ist also keine schöne
märchenhafte Geschichte.
Dennoch:
Ich persönlich betrachte Purim
als eines der wichtigsten und bedeutungsvollsten jüdischen
Feiertage. Zugegeben, technisch gesehen ist es nur einen
"kleiner" Feiertag. Er ist spät in den jüdischen
Kalender aufgenommen worden und hat als liturgische
Besonderheiten nur das "Al Ha-Nissim"-Gebet und den
Auftrag, unter großen Jubel die Megilla zu lesen. Beschrieben
wird aber eine Gesellschaft, die den Unterschied nicht kennt
zwischen Gut und Böse: Die Schwachen
werden hemmungslos von
den Starken ausgebeutet und ausgenutzt. Was
für einen furchtbarer Gedanke!
Hoffentlich
finden wir so etwas nicht in unseren Gemeinden! Es war
vielleicht kein Zufall, dass die Rabbinen einst entschieden, dass
ein solch furchtbares Konzept nur betrunken zu ertragen ist, so
betrunken, dass wir nicht mehr in der Lage sind, zwischen Segen
und Fluch zu unterscheiden. .... Für einen Tag, und NUR
für einen Tag, werden wir aufgefordert uns sinnlos zu
betrinken. Es wird uns sogar befohlen, dass wir - ja - genau wie
"die anderen" sind.
Es
hat deshalb nichts mit einem Wunder zu tun, wenn wir an diesem
Tag für die Kinder eine schöne Party veranstalten, wo sie sich
verkleiden und Theater spielen können - ein solcher Tag
an dem Juden Masken tragen, ihren Identität wechseln, und den
Alkohol fließen lassen!
Anlässlich
Purim 5766 (2006)
Nichts Neues
unter der Sonne
von Rabbiner Dr.
Walter Rothschild
"Und
es war ein Staatsoberhaupt im Iran, das sagte,
Israel solle von der Landkarte verschwinden, und
alle Juden dort, Männer, Frauen und Kinder
sollten mit einem Schlag vernichtet
werden." So etwa beginnt ein neuer Text in
unserer Geschichte. Wieder einmal hat kaum einer
etwas gemerkt - außer den Juden. Erst spät,
fast zu spät wurde der Welt deutlich, dass da
ein verrückter Machthaber mit mächtigen Waffen
spielt. Es sind welche, die auch anderen gefährlich
werden können: Journalisten,
Karikaturisten, Diplomaten, Christen, Europäern.
Sogar Nationen, die eigentlich nur Butter und
Joghurt verkaufen möchten.
Wie
sagt der Prediger? "Es gibt nichts Neues
unter der Sonne"1)
. So eine Geschichte haben wir jedenfalls schon
mal gehört. Das Buch Esther erzählt vom König
Achaschwerosch2) .
Er herrschte im 5. Jahrhundert v.Z. in Persien.
Von seinem Günstling Haman ließ er sich überreden,
der Vernichtung aller Juden in seinem Königreich
zuzustimmen. Fast wäre Haman erfolgreich
gewesen. In allen Winkeln dieses riesigen
persischen Imperiums mit seinen 127 Provinzen
wusste man bereits, dass an einem bestimmten Tag
alle jüdischen Männer, Frauen und Kinder
ermordet werden sollten - ohne Ausnahme, ohne
Ausrede und ohne Ausweg. Keiner unternahm etwas
dagegen. Doch der Wind drehte sich, die Intrige
richtete sich gegen ihren Urheber. Nur wegen
einer hübschen jüdischen Agentin am Hof? Oder
- weil Gott es so wollte? Was möchten wir
lieber glauben?
Wegen
dieses Ereignisses feiern wir Purim. Wir hoffen,
dass sich eine solche Bedrohung nicht
wiederholt, wissend, dass es in unserer
Geschichte viele Ereignisse gab, wo jemand sagte
"Weg mit den Juden!" und diese dafür
Verachtung, Vertreibung und Vernichtung erfahren
mussten.
Wir
feiern, in dem wir diese Esther-Geschichte
lesen. Wir schreien "Buh!" wenn der böse
Haman erwähnt wird. Wir essen Hamantaschen. Und
- für einen Tag im ganzen Jahr, für einen
einzigen Tag, ist es uns erlaubt, ja sogar
befohlen, viel, viel zu viel Alkohol zu trinken.
Diese Erlaubnis dient einem Erlebnis. Wir sollen
betrunken werden, so betrunken, dass wir
zwischen Gut und Böse nicht mehr unterscheiden
können. Gerade so, wie so viele andere dumme
Menschen auch.
Eigentlich
ein trauriges Fest - wenn man bedenkt, dass es
noch immer solche Verrückten gibt. Und neben
ihnen Menschen, die die Bedrohung nicht
wahrnehmen!
Anlässlich
Purim 5767 (2007)
Wir sind noch da!
von Rabbiner Dr.
Walter Rothschild
An „Purim“
feiern wir einen Sieg. Keinen Kompromiss, keinen
Friedensvertrag, keinen Teilungsplan – nein, wir
erinnern uns an einen Sieg und feiern ihn. Es
gab Tote, viele Tote sogar - aber ausnahmsweise
waren es mal nicht unsere.
Manche
haben Probleme mit diesem Fest. Diese
Geschichte, sagen sie, sei zu brutal. Sie sei
unglaublich. Wie konnten die Juden nur solche
Rache nehmen an den armen Persern? Sie denken
zum Beispiel an die Verse 5 und 6 im Kapitel 9
des Buches Esther: „Und es schlugen die
Jehudim unter all ihren Feinden Schläge des
Schwertes und des Würgens und der Vernichtung,
und taten an ihren Feinden nach Herzenslust. Und
in Schuschan der Burg erschlugen die Jehudim und
vernichteten fünf hundert Mann."*) Und ein
paar Verse weiter wird ergänzt, dass auch die
zehn Söhne Hamans hingerichtet werden mussten.
Die
Esther-Rolle zählt alles säuberlich auf! Wir
haben keine Ahnung, wie viele Juden Haman im
ganzen persischen Reich mit seinen 127 Provinzen
zum Opfer gefallen wären, hätte er seinen Weg
gehen und seine Wünsche durchsetzen können – er
wollte jedenfalls alle vertilgen (Esther 3 Vers
6). Die Juden dagegen – so wird berichtet -
töteten Männer aber keine Frauen und Kinder. Und
zweimal wird im Text betont: "aber nach der
Beute streckten sie nicht ihre Hand"*) (Vers
10 & 15). Am zweiten Tag erschlugen sie noch 300
in der Burg Schuschan (Susa), und im Reste des
Reichs 75.000 - und wieder (zum dritten Mal)
wird gesagt, sie streckten ihre Hände nicht nach
der Beute. (Kap. 9 Vers 16).
Es
war also kein Raubmord. Es war auch kein
rassistisch-motivierter Genozid. Und es war
eigentlich auch kein Rachefeldzug. Nach dieser
Überlieferung starben keine unschuldigen
Mitläufer oder etwa Menschen, die zufällig dabei
waren. Für die Juden ging es damals ums
Überleben. Mit Hilfe des Staates konnten sie
endlich die, die sie mit Vernichtung bedroht
hatten, selber "erledigen". Aber nur diese,
keine anderen. So steht es in Kapitel 9 Vers 16:
"Wa’amod al-Nafscham" - "Sie
standen für ihr Leben, und schafften sich Ruhe
vor ihren Feinden."*)
Die
historisch-kritische Forschung bezweifelt, dass
das Esther wirklich historisch ist und meint,
typische Märchenmotive entdecken zu können. Das
Buch Esther wäre danach ein märchenhaftes
Lehrwerk, eines, das gut tut, wenn man in der
Diaspora lebt und fortwährend bedroht wird. Mir
dagegen kommt das Buch Esther authentisch vor.
In einer Zeit, in der wieder ein Staatsoberhaupt
aus Persien bzw. dem Iran in aller
Öffentlichkeit den Wunsch formuliert, alle Juden
auszulöschen und alle Bewohner des Staates
Israels (ob Juden, Christen oder Muslime!!) zu
vernichten - wie kann ich da der Megillat Esther
nicht glauben?
Wichtig ist etwas anderes: Es gibt einen ganz
großen Unterschied zwischen einem Genozid und
dem gezielten Angriff auf echte Feinde. Die
Feinde - Achaschwerosch und seine Diener - waren
bereit, Männer, Frauen und Kinder, Jung und Alt,
alle Juden (!), auszulöschen - an einem Tag,
einfach so! Egal, wer sie waren, welchen
Verdienste sie für den Staat erworben hatten, ob
sie fromm waren, arm oder reich, gebildet oder
nicht. Alle wurden als "Ausländer" und
"Untermenschen" eingestuft und sollten
ausgerottet werden. Die Juden aber verteidigten
sich. Sie wussten recht genau, wer ihre Feinde
waren. So berichtet es der Text der Megillat
Esther.
Also
- wir feiern. Mit Karnevalsmasken und Alkohol,
mit Hamantaschen oder anderen Leckereien, mit
Musik und Tanz, mit einer Lesung aus diesem
merkwürdigen Buch. Es gibt einen Grund zu
feiern. "Mir senen do" - Wir sind noch
hier!
Im
Hawdalah-Gottesdienst am Schabbatausgang wird
ein Vers aus der Megilla (Kapitel 8 Vers 16)
zitiert: "LaJehudim hajta Ora, weSimcha
weSasson V’Ikar!" - "Bei den Jehudim war
Licht und Freude und Lust und Ehre".*) Sie
waren wieder angesehene Leute. Dazu ergänzte der
anonyme Liturg den frommen Wünsch: "Kejn
tihjeh lanu!" - "So geschehe es auch
uns!"
Was kann
man mehr sagen?
*)
Die Zitate aus der Esther-Rolle entstammen
dieser Ausgabe der hebräischen Bibel:
Die vierundzwanzig Bücher der Heiligen Schrift, übersetzt von Leopold Zunz ,
Victor Goldschmidt Verlag, Basel 1980
Anlässlich
Purim 5768 (2008)
Unterscheiden - und nicht unterscheiden
können
von Rabbiner Dr.
Walter Rothschild
Bei einem Bet Din (Rabbinergericht) stelle ich
gern diese Scherzfrage: "Wie haben Sie letztes
Jahr Purim gefeiert?" Natürlich kramen die
Kandidaten sofort ihr Wissen zusammen und
berichten von Megilla (Schriftrolle),
Hamantaschen (Purim-Gebäck), Lärm oder Masken.
Die richtige Antwort aber lautet anders: "Ich
kann mich nicht erinnern, ich war total
betrunken!"
Und tatsächlich, es gibt diese merkwürdige
Mitzwa, dieses rabbinische Gebot, sich an diesem
Fest zu betrinken. Zugegeben, für alkoholkranke
oder -labile Menschen und ihre Familien ist das
weder lustig noch ratsam, und das muss man
unbedingt respektieren! Aber im Prinzip gilt: An
Purim ist nahezu alles gestattet, was man
üblicherweise nicht machen sollte: Autoritäten
verspotten, Krach in der Synagoge veranstalten,
sich albern verkleiden, und - sich betrinken.
Nun ja: Eigentlich ist es eher ein Minhag (ein
Brauch) und weniger eine Mitzwa. Trotzdem: Die
Rabbinen sagen, dass man sich betrinken soll bis
man den Unterschied nicht mehr erkennen kann,
zwischen „Gesegnet sei Mordechai“ und „Verflucht
sei Haman“ ("Ad lo yadah bejn Baruch
Mordechau y‚Arur Haman)". Fällt Ihnen etwas
auf? Es wird alles auf den Kopf gestellt. Warum?
Versuchen wir eine andere Überlegung. Sie werden
es auch schon bemerkt haben: Es gibt immer noch
Menschen die nicht unterscheiden können
...
o
zwischen einer pluralistischen, streitbaren
Demokratie und einem Regime aus fanatischen
Fundamentalisten, die zu Terror erziehen, ihn
predigen und fördern, oder
o
zwischen Verhandlungen, die beiden Seiten
Frieden, Entwicklungsmöglichkeiten und
Sicherheit bringen sollen, und dem Ansinnen,
nationalen Selbstmord zu betreiben.
Dafür sind sie überzeugt, ...
o
dass
der Nationalismus der Palästinenser eine gute
Sache ist, während sie der jüdischen
Selbstbehauptung in einem eigenen Staat
'Imperialismus' vorwerfen und diesen deshalb
verachten und bekämpfen,
o
dass Israel
unschuldige, unbewaffnete Palästinenser
kollektiv bestraft, nur weil es gezielt jene
Wohngebiete und Häuser attackiert, aus denen
bereits mehrere Tausend Raketen auf israelische
Städte und Gemeinden geschossen wurden,
o
dass es
angemessen ist, israelische Produkte,
israelische Akademiker und israelische Politiker
zu boykottieren und überdies jeden Juden in
Deutschland auch noch für die Innen-, Außen- und
Verteidigungspolitik Israels verantwortlich
machen.
Auch unter denen, die überall auf der Welt laut
Freiheitsparolen rufen und sich gegen
Ausgrenzung und 'Apartheid’ engagieren, gibt es
eine Menge dummer Menschen, die den Unterschied
zwischen Gut und Böse oder zwischen Segen und
Fluch nicht zu erkennen vermögen. Es wäre schön,
man könnte sagen, "Es ist nur so, weil sie
besoffen sind". Aber leider ist es nicht so.
Um sie verstehen zu können, müssen wir uns auf
ihr Niveau begeben. Dafür braucht man Hilfe.
Alkohol ist ein solches Hilfsmittel. Den Rest
des Jahres braucht man einen klaren Kopf, um
solch gefährlichen Menschen begegnen zu können
und ihnen Paroli zu bieten. Aber einmal im Jahr
darf man ausnahmsweise eine andere Methode
probieren. Immerhin, man lebt noch!
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