Vom
Shampoo und der roten Kuh
von Rabbiner
Dr. Walter Rothschild
Wissen Sie,
was in Ihrem Shampoo steckt? Haben Sie
je die 'Ingredients' auf dem Etikett
gelesen? Diese kleinen Buchstaben mit
Begriffen die keiner kennt? Meist
handelt es sich um eine Mischung aus
Farben, Fetten, Ölen, Stabilisatoren,
Duft- und Konservierungsstoffen. Wir
kaufen diese Emulsionen, mischen sie mit
Wasser, reiben sie in unsere Haare oder
verteilen sie auf unserer Haut. Nach der
Dusche fühlen wir uns – Aaah! -
frischer, sauberer - besser! Warum
eigentlich? Weil uns das Etikett
verspricht, es würde uns frischer,
sauberer und besser machen!
Schon die frühen
Israeliten waren vertraut mit solchen
Spezereien aus Düften, Ölen und Farben,
oder – wie uns der Wochenabschnitt
nahelegt – sie wurden damit vertraut
gemacht. In Schemot [1]
30:22f. weist Gott Mose an, ein heiliges
Salböl herzustellen: Zimt soll hinein
und Myrrhe, wohlriechender Kalmus
[2],
Kassie
[3] und Olivenöl. Später folgt noch
ein Rezept für ein duftendes
Weihrauchopfer.
Bemidbar
[4] 19 (Sidra
[5]
Chukkat [6]) beginnt
mit einer überraschenden Verordnung,
einem 'Chok'[7].
'Chukkim' sind Vorschriften, sie sind
gegeben, auch wenn sie nicht vernünftig
zu erklären sind. Sie unterscheiden sich
von den begründeten Gesetzen, den 'Mischpatim'[8],
für die es einen erkennbaren Grund gibt.
Dieser Chok legt nun fest, wie eine
Salbe hergestellt werden soll, um nach
ritueller Verunreinigung wieder rein zu
werden: Man soll eine rote Kuh
schlachten, sie verbrennen und die Asche
mit Zedernholz, Ysop und roter Wolle
mischen. Daraus soll der Priester – in
unserer Sprache - eine Art Shampoo
bereiten: ein Reinigungswasser
[9]. Und
mit diesem Reinigungswasser können
Menschen von ihrer Unreinheit ‘geheilt’
oder ‘gesäubert’ werden. Sie sollen
statt ‘tameh’, also unrein,
‘tahor’, rein werden.
Was bedeutet das für uns?
Was verstehen wir heute unter ‘unrein’
und ‘rein’? Was ist der Unterschied
zwischen beiden Zuständen?
Jeder kennt das Gefühl,
etwas körperlich Unangenehmes erlebt zu
haben oder etwas berührt zu haben, was
einem irgendwie widerlich ist - Unrat
zum Beispiel, Hundekot, Blut, bestimmte
Körperflüssigkeiten. Oder gar Kontakt zu
einer Leiche gehabt zu haben. Was immer
es auch sei, man hat dann das Gefühl,
sich schnell waschen zu müssen. Unrein
(‘tameh’) ist man, vereinfacht
gesagt, wenn man sich ‘unrein’ fühlt.
Das muss nicht das gleiche wie
‘schmutzig’ oder ‘dreckig’ sein. Ein
Gärtner hat Erde an den Händen, ein
Handwerker hat sie sich mit Öl oder
Staub verschmiert. Beide werden sich
sicher waschen, sobald sie ihre Arbeit
beendet haben, aber sie haben keinen
Grund, vor diesem Dreck zu erschrecken
oder sich davor zu ekeln.
Wenn man aber doch in
eine solche beklemmende, unappetitliche
oder ekelhafte Situation kommt und ein
Ritual braucht, um wieder zur
‘Normalität’ zurückzukehren - dann
wählen wir heute etwas, um uns davon zu
befreien: eine Seife, ein Gel, ein
Reinigungsmittel das nach Apfel,
Pfirsich oder Zitrone duftet - und
Wasser. Und danach können wir uns wieder
unserem Alltag zuwenden.
Wer weiß denn schon, was
in so einem Gel, in einer Creme oder
einer Seife steckt? Möchte man das so
genau wissen? Vielleicht ist es sogar
besser, es nicht zu wissen!
Wichtig ist, es sieht
gut aus, es riecht gut, und man fühlt
sich nach dem Waschen besser.
So zum Beispiel kann man
diese Verse verstehen. Es ist an der
Zeit, sich langsam auf Pessach
vorzubereiten. Dafür braucht man
geeignete Putzmittel - nicht nur für
Schränke und Schubladen und Wohnungen,
sondern auch für Menschen, die im
spirituellen Sinne, den Dreck des
vergangenen Jahres abwaschen möchten.
Denn sie sollen ‘rein’ zum Pessach Seder
kommen können. Sie sollen wirklich
befreit sein, damit sie in der Lage
sind, die Befreiung zu feiern. Dafür
braucht man Zeit, Wissen und Können.
Damals war der Priester dafür zuständig.
Schöne, fehlerfreie rote Kühe waren
nicht leicht zu finden, aber dadurch
gewann dieser rätselhafte Ritus sein
Gewicht. Heute kommen wir ohne die 'Parah
Adumah' (die rote Kuh) aus! Aber das
Prinzip der 'rituellen Reinigung' können
wir auch heute noch verstehen. Es hat an
Bedeutung nicht verloren.