Urteil
des Oberverwaltungsgericht in Magdeburg wird nicht
umgesetzt
von
Steffen Könau
Halle/Magdeburg/MZ.
Ein Ende des seit Mitte der 90er Jahre schwelenden Streits
zwischen den jüdischen Gemeinden in Sachsen-Anhalt ist
nicht absehbar. Es geht um die Vergabe von Mitteln und die
Umsetzung eines Richterspruchs, der im Vorjahr bundesweit
für Aufsehen gesorgt hatte.
Auch
vier Monate, nachdem das Oberverwaltungsgericht in
Magdeburg in letzter Instanz geurteilt hatte, dass die
hallesche Synagogengemeinde gleichberechtigt in den Genuss
von Zahlungen des Landes kommen muss, ist kein Euro bei
den liberalen Juden angekommen. Karl Sommer, Chef der
Synagogengemeinde, die sich im Unterschied zu den
orthodoxen Gemeinden in Halle, Dessau und Magdeburg der
liberalen Strömung des Judentums zugehörig fühlt, sieht
seine Gemeinde dadurch inzwischen "in höchstem Maße
in ihrer Existenz bedroht".
Denn
der orthodoxe Landesverband, der jährlich rund eine
Million Euro aus dem Landeshaushalt an die Gemeinden
verteilt, weigere sich, das rechtskräftige Urteil
umzusetzen. Gegenüber Walter Rothschild, dem Amtsrabbiner
der Synagogengemeinde, sei in Aussicht gestellt worden,
dass es dabei noch für mindestens zwei Jahre bleiben
werde, wenn die Synagogengemeinde sich nicht mit einem
geringen Betrag zufrieden gebe.
Für
Sommer ein Unding. "Inzwischen wurden die liberalen
Juden in Niedersachsen und Schleswig-Holstein in den Bezug
der Staatsleistungen eingebunden", sagt er,
"obwohl die Gemeinden dort erst lange nach uns
gegründet wurden." Wenn der Landesverband nicht
bereit sei, dem Urteil Folge zu leisten, müsse das Land
als Geldgeber dafür sorgen, dass der Richterspruch
umgesetzt werde.
Das
Nichthandeln der Landesregierung sei für die
Synagogengemeinde auf Dauer existenzgefährdend, mahnt
Sommer in einem Brief an Kultusminister Jan-Hendrik
Olbertz, den er aufrief, "sich des Problems jetzt
anzunehmen." Die einzige Alternative für die
Synagogengemeinde bestehe sonst darin, die ihr
vorenthaltenen Mittel als unterschlagen zu betrachten und
Strafanzeige zu stellen. "Uns bleibt bald kein
anderer Ausweg mehr."
Im
Kultusministerium glaubt man nicht, dass das nötig sein
wird. Es gebe derzeit Gespräche mit den Beteiligten,
beschreibt Sprecherin Brigitte Deckstein. Das Land sei
"an einer baldigen Lösung interessiert."
Kultusstaatssekretär Winfried Willems will die Frage der
Beteiligung neuer Gemeinden "grundsätzlich
regeln". Vorbild könne der Staatsvertrag von
Schleswig-Holstein sein, nach dem der Landesverband selbst
nur zehn Prozent der Mittel erhalte. Der Rest werde dort
nach Mitgliederzahl vom Land direkt an die Einzelgemeinden
gezahlt.
Quelle:
Mitteldeutsche Zeitung, 30.03.2005