Im
Streit um die Verteilung staatlicher Gelder an jüdische
Gemeinden in Deutschland zeichnet sich allmählich eine
Beruhigung ab.
Von
Rainer Meyer
Im Streit um die Verteilung von staatlichen Mitteln für
jüdische Gemeinden ist der Zentralrat der Juden in
Deutschland über seinen Schatten gesprungen: Er empfiehlt
dem Land Sachsen-Anhalt, die liberale Synagogengemeinde in
Halle direkt zu fördern. Für den Landesverband, der dem Zentralrat
angehört, ist es eine schwere Niederlage; für eine
umfassende Regelung in Deutschland könnte es der erste
große Durchbruch sein.
Der
Generalsekretär des Zentralrat, Stephan Kramer, lässt es
in seinem Schreiben an das Kultusministerium des Landes
Sachsen-Anhalt nicht an Deutlichkeit fehlen: Dem Ansehen
der jüdischen Gemeinschaft in Sachsen-Anhalt werde
"schwerer Schaden" zugefügt. Nach zehn Jahren
erbitterter juristischer Auseinandersetzung und einem
letztinstanzlichen Urteil, das der Synagogengemeinde in
Halle Recht gab, geht der Zentralrat damit deutli9ch auf
Distanz zu einem Landesverband, der sich einer Einigung
widersetzt. Noch vor wenigen Monaten gab es seitens des Zentralrats
Überlegungen, in dieser Frage vor das
Bundesverfassungsgericht zu ziehen. Jetzt legt Stephan
Kramer seine Vermittlungstätigkeit als
Verhandlungsführer des Landesverbands nieder -
ausdrücklich wegen der Blockadehaltung der im
Landesverband zusammengeschlossenen jüdischen Gemeinden.
Kaum
finanzielle Mittel für Verfahren
Für
Karl Sommer, den Vorsitzenden der Synagogengemeinde Halle,
ist das eine späte Genugtuung. Er hat die Hauptlast der
Auseinandersetzung in einer denkbar schlechten Position
getragen. Die Gemeinde hatte kaum finanzielle Mittel, um
das lange Verfahren durchzustehen, und ist mit ihren meist
aus Russland stammenden Mitgliedern denkbar weit von den
Standards jüdischer Gemeinden im Westen von Deutschland
entfernt. Nach Jahren des Konflikts meint er heute, dass
man Stephan Kramer für seine deutlichen Worte und sein
Engagement einen "Orden verleihen sollte". Mit
Kramers Vorschlag an das Land, der Gemeinde monatlich bis
zu einer endgültigen Regelung 7500 Euro direkt zu
überweisen und mit mindestens 12500 Euro Rücklagen für
die Nachzahlungen vergangener Jahre zu bilden, erkennt man
die Ansprüche der Synagogengemeinde faktisch an. Die
flexible und undogmatische Haltung der Hallenser bei den
Verhandlungen dürfte ihren Teil zur Meinungsfindung des
Zentralrats beigetragen haben. Auch das ist eine neue
Entwicklung in Deutschland, wo sich liberale
Spitzenfunktionäre und Vertreter des Zentralrats oft
unversöhnlich gegenüberstehen.
Doch
vorerst wird sich in Sachsen-Anhalt nicht viel ändern:
Die Gemeinden Landesverbandes wollen warten, bis die
Synagogengemeinde ihre Forderungen vollstrecken lässt.
Dort scheint man gewillt zu sein, den Konflikt bis zum
Äußersten zu treiben, und auch Karl Sommer beabsichtigt,
diesmal den Vollzugsbeamten zu schicken. Sommer rechnet
damit, dass gesperrte Konten die andere Seite schnell an
den Verhandlungstisch zurückbringen würden. Die
Selbstverwaltung jüdischer Gemeinden in Ostdeutschland
ist oft ein wichtiger Arbeitgeber für die Mitglieder.
Ohne die Landeszuschüsse würden die Gemeinden schnell in
die roten Zahlen rutschen. In diesem Fall hätte das Land
die unangenehme Aufgabe, von oben zu entscheiden, wie es
mit den Juden in Sachsen-Anhalt weitergehen soll. Nachdem
sich auch in anderen Orten inzwischen Abspaltungen der
Einheitsgemeinden des Landesverbandes gegründet haben,
sind weitere komplexe Verhandlungen zu erwarten.
Signalwirkung
für andere Verbände?
Der
Zentralrat hat in diesem Fall deutlich gemacht, wo seine
Toleranzgrenze erreicht ist. Die Distanzierung vom
Landesverband dürfte Signalwirkung für andere Verbände
haben, die sich bislang immer auf dei Treue des
Zentralrats verlassen haben, egal wie katastrophal das
Finanzmanagement und wie unfähig die Funktionäre waren.
In den Verbänden herrschte oft eine gewisse
Vollkasko-Mentalität, die hoffte, dass eine unsichere
Ministerialbürokratie und ein robust auftretender
Zentralrat Abspaltungstendenzen so gut wie unmöglich
machen würden. Offensichtlich ist der Zentralrat aber
nicht mehr gewillt, sich in jedem sinnlosen Konflikt
zwischen lokalen Betonköpfen verschleißen zu lassen.
Quelle:
tachles
- das jüdische Wochenmagazin Nr.40/2005, 7. Oktober 2005