Interview
mit Karl Sommer, Vorsitzender Synagogengemeinde Halle
Herr
Sommer, seit ihrer Gründung im Juli 1996 stehen Sie der
Synagogengemeinde in Halle vor. Eine liberale Gemeinde, die zur
Union progressiver Juden in Deutschland gehört. Ihre Gemeinde
besteht zum überwiegenden Teil aus russischsprachigen Zuwanderern.
Sind Sie der Meinung, dass das Reformjudentum den Zuwanderern als
Strömung innerhalb des religiösen Judentums am nächsten steht?
Ja,
davon gehe ich aus. Und hier in Halle selbst hat ja das liberale
Judentum eine lange Tradition. Die Hallenser jüdische Gemeinde
feierte in den 90er Jahre ihr 300jähriges Bestehen. Sie war eine
der ersten jüdischen Gemeinden in Deutschland gewesen, die sich
einen liberalen Status gab. Und in dieser Tradition steht auch die
Synagogengemeinde.
Viele
der Zuwanderer sind noch damit beschäftigt, erst einmal den Sprung
in die deutsche Aufnahmegesellschaft zu schaffen, nicht wenige leben
von Arbeitslosengeld und Sozialhilfe. Damit fallen beträchtliche
Steuergelder für die Gemeinde aus. Wie kann die Gemeinde das
kompensieren?
Leider
gar nicht. Wir leben von der Hand in den Mund, vom Schnorren und vom
Borgen. Zwar wurde der neue Staatsvertrag am 20. März vom
Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, den Landesverbandsgemeinden
und der Synagogengemeinde Halle unterzeichnet, aber schon im April,
wenige Tage später, hat der Landesverband seine Verpflichtung, der
Synagogengemeinde Halle die Landeszuschussrate auszubezahlen,
gebrochen. Statt der ihr zustehenden Summe in Höhe von rund 11.000
Euro wies er der Synagogengemeinde nur 350 Euro an. Übrigens ohne
Gründe zu nennen, warum. Damit kann eine jüdische Gemeinde nicht
existieren.
Was
kann der Gemeindevorstand tun, um den Neumitgliedern bei der
Integration in die deutsche Aufnahmegesellschaft zu helfen -
notfalls auch mit wenigen finanziellen Ressourcen?
Wir
unterbreiten ergänzende Angebote zu den bereits von der
Stadt Halle und vom Land Sachsen-Anhalt in reichlichem Maße
gebotenen Integrationshilfen. Allerdings sollten und dürfen
wir nicht vergessen, dass wir eine Religionsgemeinde sind,
die sich vorrangig um die religiösen und seelischen
Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu kümmern hat. Gleichwohl
haben wir Deutschkurse angeboten, deren Besuch die
Kommunikation im neuen Umfeld erleichtern soll. Das
Wichtigste für eine zufriedenstellende Integration ist
allerdings, dass unsere Gemeindemitglieder Arbeit finden,
und hier versuchen wir besonders intensiv zu helfen. Denn
inmitten von deutschsprachigen Kollegen lernt man die
Sprache dann auch am besten, und die Integration wird ein
angenehmes Nebenprodukt.
Gibt
es Unterstützung für die Synagogengemeinde von Seiten der
Stadtverwaltung, den Kirchen, der Gesellschaft für
christlich-jüdische Zusammenarbeit ...?
Leider
haben wir da noch keine Erfahrungen gemacht, praktische
Hilfe kam bisher nicht zustande. So wartet die
Synagogengemeinde seit Jahren darauf, von der Stadt einen
Friedhof oder ein Begräbnisfeld zugewiesen zu bekommen.
Aber immer wieder wird dieser so dringende Antrag mit
scheinheiligen Argumenten abgewehrt - sowohl der Stadt Halle
wie auch von der Landesverwaltung. Die anderen
Gesellschaften und Vereine haben wohl mit sich selbst noch
zu tun, sie können uns noch nicht zur Seite stehen.
Wirklich
bedauerlich ist der bisherige Kontakt mit dem Paritätischen
Wohlfahrtsverband gelaufen. Er verweigert der
Synagogengemeinde dringend benötigte Sozialarbeiter mit dem
Hinweis, dass der Landesverband der jüdischen Gemeinden ja
Mitglied bei ihm sei, und wir sollten uns doch an den
wenden. Dass wir einem anderen Dachverband angehören, ist
dort vielleicht nicht so durchgedrungen. Der Landesverband
seinerseits schiebt die Antwort erst einmal um Jahre hinaus
und kann dann angeblich nicht helfen, weil wir nicht
Mitglied im Zentralrat sind. Ein Circulus vitiosus, unter
dem vor allem die Neuzuwanderer zu leiden haben.
Seit
Jahren wird die religiöse Betreuung der Synagogengemeinde
durch Rabbiner Walter Rothschild sichergestellt, der oft von
Berlin kommt und dann hier den Gottesdienst gestaltet. Wie
wird er, der eigentlich britische Rabbiner, von den
hauptsächlich russischsprachigen Gemeindemitgliedern
akzeptiert?
Hervorragend.
Unsere Mitglieder verehren und lieben Rabbiner Rothschild.
Er pflegt eine unkomplizierte, direkte Art, den Zugang zu
den Mitgliedern und Besuchern der Gemeinde zu finden. Auch
über manche Sprachbarriere hinweg.
Ab
wann werden in der Synagogengemeinde auch Kantor und
Sozialarbeiter arbeiten?
Da
sind wir schon wieder bei der leidigen Landeszuschussrate.
Sobald der Landesverband die uns uns nicht mehr rechtswidrig
streitig macht, wollen wir auch einen Kantor und einen
Sozialarbeiter einstellen. Mit Oren Roman als vorläufig
aushelfendem Kantor haben wir auch gute Erfahrungen.
Wer
eine Kabbalat Schabbat in der Hallenser Synagogengemeinde
erlebt, wird erstaunt darüber sein, wie viele Interessenten
aus sehr unterschiedlichen Altersgruppen den Weg in die
Trothaer Straße finden. Gibt es Pläne, ein eigenes
Jugendzentrum aufzubauen?
Ja,
die Jugendgruppe hat sich formiert. Im Moment richten wir
für sie geeignete Räumlichkeiten ein. Unsere Jungen machen
uns sehr viel Freude. Sie besuchen fleißig die
Sonntagsschule, helfen den älteren Menschen - kurz,: sie
geben Hoffnung und Hinweis, dass unsere Gemeinde lebt und
leben wird.
Gerüchte
besagen, dass schon im Sommer diesen Jahres mit dem Ausbau
eines Gemeindezentrums auf einem Grundstück in der Nähe
der Saale begonnen werden sollte ...
An
sich sollte schon im letzten Jahr begonnen werden. Doch
leider wurde das von uns beantragte Baudarlehen von der
Halleschen Filiale der Hypovereinsbank abgelehnt, nach
nahezu einem Jahr Bearbeitungszeit. Nun wird die
Synagogengemeinde auf einen großzügigen Spender
zurückkommen müssen, der bereit ist, ein Gemeindezentrum
mit Synagoge zu sponsern.
Wir
zufrieden sind Sie grundsätzlich mit dem ehrenamtlichen
Engagement der Gemeindemitglieder?
Ohne
ein solches würde die Gemeinde gar nicht existieren.
Die
Synagogengemeinde wird sich auch beim Israeltag am 4. Mai
präsentieren. Was erwartet die Besucher am geplanten Stand
im Stadtzentrum?
Wir
werden profunde Informationen zum israelischen Staat und zur
israelischen Gesellschaft anbieten. Und das soll dann mit
jedem Jahr mehr werden.
Das
Interview führte Axel Fritzsche
Quelle:
Jüdische
Zeitung (Printausgabe) - Mai 2006
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