von Martina Springer
Halle/MZ. Wenn die Mitglieder der
Synagogengemeinde zu Halle Freitagsabends und samstags - am
jüdischen Ruhe- und Feiertag Sabbat - ihre Gottesdienste abhalten,
dann ist seit März dieses Jahres jedes Mal auch eine Kostbarkeit
dabei: eine Thora-Rolle. Aus dem fernen Kalifornien hat sie den Weg
nach Halle gefunden, wird hier gehütet - und genutzt. Denn die
Thora, sagt Karl Sommer, der Vorsitzende der Gemeinde, das sind die
Fünf Bücher Moses. Aus ihnen liest der Rabbiner zum Gottesdienst.
Manchmal liegt die Rolle auch einfach nur
auf dem Tisch, weil kaum jemand das von rechts nach links
geschriebene und zu lesende Hebräisch beherrscht. Doch auch dann ist
das rund 25 Kilogramm schwere Schriftstück ein Quell der Freude.
Weil es, wie Karl Sommer erzählt, auf ungewöhnliche Weise an die
Saale gekommen ist: Früher verfügten die Juden hier über etwa 20
Thora-Rollen, "aber alle sind verloren gegangen oder zumindest nicht
mehr auffindbar". So stand die Synagogengemeinde bei ihrer Gründung
Mitte der 90er Jahre in dieser Hinsicht mit leeren Händen da. Und
auch mit leeren Kassen - die etwa 50 000 Dollar für einen Kauf waren
nicht vorhanden.
Aber die Synagogengemeinde zu Halle, deren
Mitglieder übrigens aus ganz Sachsen-Anhalt kommen, gehört der
Weltunion der Juden*) an - und das war letztlich
ausschlaggebend. Uri Regev, der Präsident der Weltunion, gewährte
ihr als einziger liberaler Gemeinde in den neuen Bundesländern einen
Wunsch. Und die derzeit rund 400 Mitglieder wünschten sich - was
sonst - eine Thora-Rolle.
Eines Tages erhielten sie Post von der
liberalen jüdischen Gemeinde Los Gatos in Kalifornien. Diese hatte
zu ihrer Gründung eine Thora-Rolle geschenkt bekommen und wollte mit
ihrer Weitergabe den Glaubensbrüdern in Deutschland helfen. Die
Rolle, die laut Sommer aus Hirschhaut besteht und per Hand
beschrieben ist, wurde von Kalifornien nach Jerusalem gebracht. Dort
hat sie der Rabbiner abgeholt. Sommer: "Wir haben die Ankunft der
Thora-Rolle mit einem großen Gottesdienst gefeiert."
Seit März also fehlt die Rolle bei keiner
Sabbat-Feier. Jetzt, im Sommer, treffen sich die Mitglieder der
Synagogengemeinde zu den Gottesdiensten auf einem idyllisch
gelegenen Grundstück an der Saale und halten die Andacht im Zelt
bzw. unter freiem Himmel ab. Im Winter nutzen sie einen Gebetsraum
in der Trothaer Straße.