Halle/MZ. Wo im vergangenen Jahr
nur eine Ruine stand, hat die jüdischen Synagogengemeinde innerhalb
von neun Monaten ein schmuck saniertes Haus entstehen lassen: Dort
wohnen nun in neun Wohnungen Gemeindemitglieder, die aus Bernburg,
Wittenberg, Köthen, Stendal oder Merseburg nach Halle gezogen sind.
Nicht zuletzt aus religiösen Gründen, wie der Vorsitzende der
Gemeinde, Karl Sommer, erklärt: "Ein Jude darf am Sabbat nicht
laufen." Und deshalb reisen diejenigen Gemeindemitglieder, die zu
der landesweiten liberalen Synagogengemeinde gehören, praktisch
jeden Freitag und Samstag unerlaubt zu den Gottesdiensten an. Von
den rund 400 Mitgliedern, die die Gemeinde laut Sommer landesweit
hat, leben zur Zeit etwa zwei Drittel in Halle.
Ausschließlich Gemeindemitglieder haben,
so Sommer, das Haus ausgebaut. Für 7000 Euro kaufte die Gemeinde das
verfallene Gebäude, und nur durch den Einsatz der Männer aus der
Gemeinde "Tag und Nacht" sei der Ausbau unter der Regie von
Bauleiter Paul Rollbein möglich gewesen. Während in der Anfangsphase
zahlreiche Helfer den Schutt aus der Ruine geräumt haben, kamen
später bis zu zehn gelernte Bauleute aus der Gemeinde zum Einsatz.
Türen, Fenster, Balkone, alles habe man
aus Polen importiert: "Wir hätten uns das aus Deutschland nicht
leisten können", sagte der Gemeindevorsitzende, der im Berufsleben
Architekt ist. Keinerlei mittel des Weltverbandes der "Union
progressiver Juden in Deutschland"*),
zu dem die Synagogengemeinde gehört, sind laut Sommer in den Bau
geflossen - vielmehr habe die Gemeinde Kredite aufgenommen, deren
Raten durch die Miete der neun Wohnungen beglichen werden
können.
"In zehn Jahren sind die Darlehen
abbezahlt, dann können unsere Kinder davon profitieren", erläutert
der 69-Jährige. Der Ansturm auf die Wohnungen sei groß - 70 Bewerber
habe es für die neun kleinen Wohnungen gegeben, die sowohl junge
Familien als auch Senioren bewohnen. Weil das Projekt so gut
angenommen wurde, will die Religionsgemeinschaft bald wieder die
Maurerkelle schwingen. In der Friesenstraße habe man ein zweites
sanierungsbedürftiges Haus gekauft, so Sommer.