| Die Rabbiner verstehen
Schawuot als ein Art Gegenpol zu Pessach. Nach dem Abendgebet am zweiten Tag
von Pessach zählen wir "Omer". Das ist Hebräisch für "Garben". Wörtlich
übersetzt zählen wir also Garben. Das hat auch seinen Grund. Ursprünglich
war Schawuot ein Erntefest – ein Fest der ersten Früchte ('Chag
HaBikkurim'). Wir zählen 49 Tage ab Pessach – oder sieben mal sieben Tage
danach. Mit anderen Wort: sieben Wochen, also eine "Woche" der Wochen.
Deshalb nennen wir es Wochenfest. Und doch dauert Schawuot nur einen Tag,
ganz im Unterschied zu Festen wie Pessach oder Sukkot, die tatsächlich eine
Woche dauern.
Schawuot wandelte sich in der Diaspora von einem
Erntefest zu einem Fest der Offenbarung der Tora (S'man Mattan Toratejnu).
Vergleichen wir: An Pessach erinnern wir uns an die Befreiung. Wir feiern
die Freiheit! Nur sieben Wochen später erhalten wir das Geschenk einer
Ordnung aus Pflichten, Regeln und Gesetzen. Bleiben wir beim Bild von Saat
und Ernte: Wir haben nicht selber gesät, aber wir dürfen "ernten". Unser
Ertrag ist die Offenbarung der Tora.
In vielen Gemeinden studieren
wir an Schawuot bis in die Nacht hinein Tora. Wir lernen: Ohne Gesetze ist
Freiheit nur Anarchie. Es ist eine Freiheit, der es bald an Recht,
Gerechtigkeit und Gemeinsinn fehlen wird. Aber ohne Freiheit, das lernen wir
ebenfalls, bewirken Gesetze nur Unterdrückung und Sklaverei.
Wir
brauchen folglich beides: die Freiheit ebenso wie die Verpflichtungen einer
Ordnung. Nur dann können wir als Menschen und als Volk auf eine gesunde
Entwicklung hoffen. Gott hat uns eben nicht nur aus dem Sklavenhaus befreit.
Er hat uns auch einen Weg gezeigt. Den sollen wir gehen. Wir müssen ihn
pflegen, gelegentlich auch modernisieren, aber wir müssen ihm stets folgen.
Sonst sind wir zwar der Sklaverei entronnen, verirren uns dann aber in der
Wüste und finden nicht mehr heraus.
Schawuot ist also mehr als Blintzes
und Käsekuchen essen. Es ist eine Zeit nachzudenken: Was bedeutet für uns
Tora? Lohnt es sich für Gott, uns Tora zu geben, wenn wir nicht interessiert
sind, Tora zu empfangen? Wie leben wir Tora? Wie verstehen wir die alten
Regeln? Wie passen sie zu unseren Problemen heute?
Es gibt viel zu
lernen.
Chag Sameach! Schalom!
Landesrabbiner
Walter Rothschild
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