Wort des Rabbiners 

#  11

Vor den Sommerferien 2006:
Versinkt der Schabbat im Sommerloch?

Die Sommerferien stehen vor der Tür. Nach der Weltmeisterschaft werden die Nachrichten spärlich. Der Sommer wird deshalb manchmal als ein Art "Loch" angesehen. Man redet sogar vom "Sommerloch", auch in jüdischen Gemeinden. Das ist eine Periode in de nichts passiert und wenig organisiert wird:  "Alle sind weg". Merkwürdig. Sind wirklich alle weg? Und wo? Irgendwo müssen sie doch geblieben sein? Heißt das, sie lesen nicht? Sie denken nicht? Sie beten nicht? Und das nur weil Sommer ist? Bedeutet das, keiner wird krank, keiner benötigt einen Besuch? Keiner liegt im Krankenhaus oder im Altersheim, keiner liegt im Sterben? Keiner trauert? Keiner ist einsam, keiner ist verzweifelt? Nur wegen der Sommerferien? Nimmt Gott auch einen Monat "Pause"? Ist er in der Sommerfrische? Braucht Gott keine Gebete für Juli oder August?

Früher war es so, da arbeitete man das ganze Jahr hindurch. Es gab keine ‘Ferien’, nur ab und zu mal einen ‘Feiertag’. Und das war ein heiliger Tag an dem man nicht arbeiten sollte. Im Sommer aber wurde geerntet. Jede Hand wurde gebraucht, um auf den Feldern Hilfe zu leisten. Das galt auch für Kinder. Deshalb hatten sie  für einige Wochen keine Schule. Das war also eine Schulpause und nicht etwa eine Unterbrechung der Arbeit. Daraus entwickelte sich in der industrialisierten Welt eine Zeit, die Familien, die nicht mit Landwirtschaft zu tun hatten  - Kühe muss man jeden Tag melken! - für Freizeit und Urlaub nutzen konnten: Spazieren gehen, ausruhen, erholen, was auch immer. In einigen Teilen der Welt ist das ein eigener Industriezweig geworden - Massenferien. Früher mit der Bahn, heute immer öfter  mit Flugzeug oder Auto. Wir fahren in den Stau, und kehren in den Stau zurück. Und das Ziel: der Strand, die Berge, die Bäder, irgendwohin, einfach "raus aus der Stadt". So machen es jedenfalls die, die es sich leisten können.

Bis weit in den September hinein haben wir keine großen Feiertage. Die beginnen erst, wenn der jüdische Monat Elul zuende ist - und dann gleich mit den Hohen Feiertagen. Anfang August, am 9. Tag des jüdischen Monats Aw, begehen wir zwar Tischa B'Aw. Aber das  ist kein Feiertag als solcher, sondern eher ein Gedenktag: Wir erinnern uns an die Zerstörung unseres Tempels und der damaligen nationalen Identität. Doch wir sollen uns den ganzen Monat Elul auf den Monat Tischri vorbereiten, das neue jüdische Jahr, auf Jom Kippur, Sukkot, Simchat Tora. Außerdem gibt es auch in den Ferien an jedem Schabbat einen Schabbat. Und ob es warm ist oder kalt, wir sollen wie üblich lernen, beten, nachdenken, wir sollen die Kranken besuchen und den Armen helfen. Armut und Schmerzen verschwinden nicht im "Sommerloch".

Also - ob Sie auf den Balkon sitzen, ans Mittelmeer oder nach Asien fliegen, ob Sie ein paar Wochen in einem Ferienlager  geniessen oder - zum Beispiel - die Tagung der ‘Union progressiver Juden’ besuchen, ob Sie zu Hause ausruhen oder eine anstrengende Reise unternehmen. Ich kann Ihnen nur wünschen, dass Sie diese Sommerperiode genießen und benutzen, und dass Sie gesund bleiben. Eines ist aber klar: Sie bleiben jüdisch - auch wenn die Sonne scheint!

Schalom!
Landesrabbiner Walter Rothschild