Wort des Rabbiners 

#  12

Zu Rosch Haschana 5766/5767:
Ehrfurcht, Apfel und Honig

Wann beginnt ein Jahr? Nicht mit der Sonnenwende, auch nicht am "Ersten Januar". Ohne Kalender würde man diesen Tag ohnehin nicht als etwas besonderes ansehen. Im Judentum beginnt das neue Jahr am 1. Tag des 7. Monats - also in einer Zeit, die wir 'Herbst' nennen. Der Ernte ist fast vorbei, damit geht ein Jahr zu Ende, und das nächste kann beginnen. Am Ersten Tag des Monats Tischri stehen wir in den Synagogen, beten und denken über uns selbst nach. Wir sind voll Ehrfurcht und prüfen uns, denn wir stehen vor dem höchsten Gericht. Wir nehmen zwar Gutes zu uns - Apfel und Honig sind Symbole für ein fruchtbares und süßes Jahr - aber in Wirklichkeit ist Rosch Haschana kein "Fest". Es ist vielmehr ein ernsthafter Tag der Entscheidungen, es ist ein Tag der Urteile.

Rosch Haschana - das sind eigentlich zwei Tage. Das ist zwar selbstverständlich, aber trotzdem muss man es betonen: Es ist der Anfang des neuen Jahres und das Ende des vergangenen. Man ist optimistisch, man wünscht sich - wir wünschen einander - für die Zukunft "Schana Towa":  "Ein gutes Jahr"! Jede und jeder persönlich sollte jedoch realistisch Bilanz ziehen und über ihr oder sein vergangenes Jahr nachdenken. Was ist gut gegangen, und was schief gegangen? Was ist uns gelungen, und wo haben wir versagt? Und wenn wir vorwärts zu blicken wagen, was können wir im nächsten Jahr besser machen? Wie können wir uns von den Fehlern und den Dummheiten des abgelaufenen Jahres erholen, wie können wir den Schaden wiedergutmachen und die Verluste ersetzen? Und wenn wir unseren Richter um Gnade bitten, haben wir sie verdient? Haben wir unser Bestes gegeben?

Oh, so viele Fragen - und noch keine Antworten. Einige Antworten, sagt unsere Tradition, kommen zehn Tage später, an Jom Kippur. Dann wird entschieden, wer von uns das nächste Rosch Haschana erleben wird. 

Auf deutsch spricht man von den "Hohen Feiertagen", doch die hebräischen Worte sind treffender: "Jamim Nora'im" – die „furchtbaren“ oder die „furchtvollen Tage“. Und deshalb versuchen wir das Beste daraus zu machen. Apfel und Honig und besonders süße Rezepte sind ein Zeichen:  Wir bleiben als Juden stets in der Hoffnung, dass das nächste Jahr – was immer kommen mag – süß und vor allem gut sein kann! Trotz Krieg, trotz Angst, trotz Armut, trotz Krankheit! Wir können als Juden vor unseren Gott stehen und beten und das alte Jahr verabschieden und hoffnungsvoll dem neuen Jahr entgegensehen!

Ich wünsche all unseren Mitgliedern und Freunden sowie dem ganzen jüdischen Volk ein Jahr des Friedens, ein Jahr des Lebens, ein Jahr des Glücks.

L'Schana Towa!
Landesrabbiner Walter Rothschild