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Wann
beginnt ein Jahr? Nicht mit der Sonnenwende,
auch nicht am "Ersten Januar". Ohne
Kalender würde man diesen Tag ohnehin nicht als
etwas besonderes ansehen. Im Judentum beginnt
das neue Jahr am 1. Tag des 7. Monats - also in
einer Zeit, die wir 'Herbst' nennen. Der Ernte
ist fast vorbei, damit geht ein Jahr zu Ende,
und das nächste kann beginnen. Am Ersten Tag
des Monats Tischri stehen wir in den Synagogen,
beten und denken über uns selbst nach. Wir sind
voll Ehrfurcht und prüfen uns, denn wir stehen
vor dem höchsten Gericht. Wir nehmen zwar Gutes
zu uns - Apfel und Honig sind Symbole für ein
fruchtbares und süßes Jahr - aber in
Wirklichkeit ist Rosch Haschana kein
"Fest". Es ist vielmehr ein
ernsthafter Tag der Entscheidungen, es ist ein
Tag der Urteile.
Rosch
Haschana - das sind eigentlich zwei Tage. Das
ist zwar selbstverständlich, aber trotzdem muss
man es betonen: Es ist der Anfang des neuen
Jahres und das Ende des vergangenen. Man ist
optimistisch, man wünscht sich - wir wünschen
einander - für die Zukunft "Schana Towa":
"Ein gutes Jahr"! Jede und
jeder persönlich sollte jedoch realistisch
Bilanz ziehen und über ihr oder sein
vergangenes Jahr nachdenken. Was ist gut
gegangen, und was schief gegangen? Was ist uns
gelungen, und wo haben wir versagt? Und wenn wir
vorwärts zu blicken wagen, was können wir im nächsten
Jahr besser machen? Wie können wir uns von den
Fehlern und den Dummheiten des abgelaufenen
Jahres erholen, wie können wir den Schaden
wiedergutmachen und die Verluste ersetzen? Und
wenn wir unseren Richter um Gnade bitten, haben
wir sie verdient? Haben wir unser Bestes
gegeben?
Oh,
so viele Fragen - und noch keine Antworten.
Einige Antworten, sagt unsere Tradition, kommen
zehn Tage später, an Jom Kippur. Dann wird
entschieden, wer von uns das nächste Rosch
Haschana erleben wird.
Auf
deutsch spricht man von den "Hohen
Feiertagen", doch die hebräischen Worte
sind treffender: "Jamim Nora'im" –
die „furchtbaren“ oder die „furchtvollen
Tage“. Und deshalb versuchen wir das Beste
daraus zu machen. Apfel und Honig und besonders
süße Rezepte sind ein Zeichen: Wir
bleiben als Juden stets in der Hoffnung, dass
das nächste Jahr – was immer kommen mag – süß
und vor allem gut sein kann! Trotz Krieg, trotz
Angst, trotz Armut, trotz Krankheit! Wir können
als Juden vor unseren Gott stehen und beten und
das alte Jahr verabschieden und hoffnungsvoll
dem neuen Jahr entgegensehen!
Ich
wünsche all unseren Mitgliedern und Freunden
sowie dem ganzen jüdischen Volk ein Jahr des
Friedens, ein Jahr des Lebens, ein Jahr des Glücks.
L'Schana
Towa!
Landesrabbiner
Walter Rothschild
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