Wort des Rabbiners 

#  14

Zum 27.Januar 2007: Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus *)
Auch eine Tragödie für Deutschland

 

Was in Deutschland nach 1933 passiert ist, war für die Juden eine Katastrophe, für Deutschland aber war es eine Tragödie. Ich sage bewusst „für Deutschland“ und nicht „für die Deutschen“. Die Juden hier waren auch Deutsche. Es hat einige Jahrzehnte gebraucht, aber die Juden hatten die Emanzipation schließlich voll angenommen und empfanden sich als deutsche Staatsbürger. Sie waren völlig integriert. Integration - das ist heute ein Modewort. Was bedeutet es? So genau weiß ich es auch nicht. Bedeutet es, die gleichen Werte und die gleiche Kultur wie den anderen zu haben? Das ist keinesfalls immer gut – insbesondere dann, wenn die "Anderen" böse Menschen sind. Nehmen wir ein Beispiel aus den 1. Buch Mose: Lot war in Sodom nicht integriert. Dabei hatte er dort geheiratet, seine Töchter sind dort zur Welt gekommen, seine Schwiegereltern lebten dort und auch seine Schwäger und Schwiegersöhne. Trotzdem, irgendwie wurde er NICHT einer von ihnen. Er blieb anders und zeigte Charakter!

Im Deutschland der 1920er Jahre empfanden sich Juden als deutsch und sie spielten eine große Rolle in der deutschen Gesellschaft. Im Ersten Weltkrieg fielen mehrere tausend Juden „für Kaiser und Vaterland“. Allein aus Elmshorn waren 32 Juden an der Front und sechs sind gefallen. Wie alle anderen Deutschen haben auch die Juden Wirtschaftskrise und Inflation erlebt.

 Das deutlichste Indiz für diese Integration – und eigentlich war es schon Assimilation – ist die Tatsache, dass viele deutsche Juden mit Nicht-Juden verheiratet waren. Viele waren sogar getauft. Es gab eine große Zahl von Menschen in Deutschland, die einen jüdischen Eltern- oder Großelternteil hatten. Das war nichts Besonderes für sie; später aber wurde es zu einem Verhängnis. Wir wissen aus der Geschichte der Nordelbischen Kirche**), dass es möglich war, als guter Christ aufzuwachsen, ja, sogar Gemeindepfarrer und dann Probst zu werden. Man konnte seinem Volk in christlicher Liebe dienen - und musste dann plötzlich erfahren, dass man als „Halb-Jude“ nicht mehr zählte. Man gehörte dann nicht mehr richtig zur Kirche, obwohl Jesus selber ein „Volljude“ war. Man wurde ausgegrenzt - als „Mischling“. Was immer das bedeuten sollte, sind wir nicht alle gemischt?

Plötzlich zählte das alles nicht mehr. DAS ist die Tragödie für Deutschland. Man lernte, dass es überhaupt nicht wichtig war, ob man ein guter und loyaler Bürger war - oder nicht; ob man als Beamter seine Pflicht erfüllt hatte - oder nicht; ob man als Kriegsveteran sein Leben riskiert hatte - oder nicht; ob man für sein Land sportliche Erfolge erkämpft hatte - oder nicht. Als Kind war man in einem deutschen Kindergarten, man absolvierte die Grundschule, das Gymnasium, besuchte vielleicht die Universität, konnte für deutschen Zeitungen schreiben oder in deutschen Theatern spielen, man konnte die deutsche Wirtschaft mitfinanzieren; man konnte ein ganz normaler Mensch sein, der einfach arbeitete, sparte, seine Steuer zahlte und seine Freizeit in irgendwelchen Vereinen verbrachte. Plötzlich zählte man aber nicht mehr als Deutscher und bald nicht einmal mehr als Mensch. Man galt als Fremdkörper, wurde als „Untermensch“ bezeichnet. Als „nicht ganz Mensch“, als ein „Nicht-Arier“, konnte man wie Vieh behandelt werden, wurde enteignet, verdrängt, vertrieben, schließlich einfach vernichtet.

Es gab keine Werte mehr, keine normalen moralischen Werte. Viele Tugenden - Loyalität, Patriotismus, Gehorsamkeit - waren auf den Kopf gestellt worden. Deutschland hat unter diesem System gelitten - nicht nur Juden, sondern viele andere Minderheiten auch. Ich erinnere zuerst an die Sinti und Roma, dann aber auch an die Homosexuellen, die chronischen Kranken, die Jazz-Musiker, an bekennende Christen, Sozialisten, Künstler, Intellektuelle. Sicher, es gab auch damals gute Polizisten, gute Soldaten, gute Lehrer und Nachbarn. Alle, die diese schrecklichen Jahre überlebt haben, kennen oder kannten solche Menschen und können Geschichten darüber erzählen. Aber es waren nicht genug; sie waren nicht stark genug; sie waren ähnlich hilflos und ausgeliefert wie die wirklichen Opfer.

Und genau deswegen rate ich, den 9. November nicht nur als eine rein „Jüdische Tragödie“ zu bezeichnen. Es war nicht „nur“ eine jüdische Angelegenheit. Es war ein Zivilisationsbruch für ganz Deutschland, für ganz Europa, und schließlich für die ganze Welt. Drei Jahre nach dem 9. November 1938 starben junge deutsche Soldaten am Himmel über England, in den Wüsten Nordafrikas, auf den russischen Steppen, in den kalten, dunklen Gewässern tief im Atlantik - fast überall auf der Erde. Innerhalb von sieben Jahren starben deutsche Männer, Frauen und Kinder zusammen mit vielen ihrer Sklaven in Deutschland selbst. Und nur, weil ihre Nation den falschen Weg gegangen war und weil die - gewählten!! - führenden Personen nicht willens und in die Lage waren, vernünftig, integer und ehrlich zu denken und zu handeln. Gier, Angst, Paranoia, Hass, Vorurteile, Stolz, heidnischer Aberglaube an Blut und Ehre brachten Elend und Armut, Angst und Schmerzen und einen grausamen Tod für Millionen von Menschen.

Der 9. November 1938 ist ein Beispiel, wie so etwas beginnen kann: Man drängt einen Teil der Bevölkerung in Ghettos, enteignet sie, nimmt ihnen den Bürgerstatus, die Staatsangehörigkeit, das Recht, als freie Menschen zu denken und zu beten, verneint und verbietet sie. Man zerstört ihre Gebetshäuser, ihre Geschäfte und Wohnungen, missachtet ihre Sicherheit und Gesundheit, fegt ihre Hoffnungen weg, zerschlägt ihre Familien und Freundschaften. Viele wurden getötet, verletzt oder verhaftet – auch mein Großvater. Viele wurden sogar in den Freitod getrieben. Und alles durch ein System, dass seine Bürger und Einwohner eigentlich schützen soll: den Staat. 

Jetzt ist es fast siebzig Jahre her. Es gibt nur noch sehr wenige Augenzeugen. Es scheint so lange her zu sein, dass einige es schon vergessen haben oder versuchen, es zu vergessen. Aber es ist noch nicht so lange her, dass das Vergessen keine Auswirkungen mehr hätte. Und deshalb ist es unsere Pflicht, der Vergangenheit zu gedenken und daran zu erinnern. Nicht weil es Vergangenheit ist, sondern weil sie uns etwas für die Gegenwart zu sagen hat, und auch für unsere Zukunft.

Landesrabbiner Walter Rothschild


*) Der Beitrag geht auf eine Rede von Rabbiner Walter Rothschild zur Erinnerung an die Reichspogromnacht 1938 zurück. Sie wurde von ihm am 9. November 2006 in Elmshorn (Schleswig-Holstein) gehalten. Er wurde erstmals publiziert in "Jüdisches Schleswig-Holstein -  Januar 2007".

**) Mit der Nordelbischen Kirche ist die Evangelische Kirche in Nordelbien gemeint. Sie umfasst Hamburg und Schleswig-Holstein.