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Was in Deutschland nach 1933
passiert ist, war für die Juden eine
Katastrophe, für Deutschland aber war es eine
Tragödie. Ich sage bewusst „für Deutschland“ und
nicht „für die Deutschen“. Die Juden hier waren
auch Deutsche. Es hat einige Jahrzehnte
gebraucht, aber die Juden hatten die
Emanzipation schließlich voll angenommen und
empfanden sich als deutsche Staatsbürger. Sie
waren völlig integriert. Integration - das ist
heute ein Modewort. Was bedeutet es? So genau
weiß ich es auch nicht. Bedeutet es, die
gleichen Werte und die gleiche Kultur wie den
anderen zu haben? Das ist keinesfalls immer gut
– insbesondere dann, wenn die "Anderen" böse
Menschen sind. Nehmen wir ein Beispiel aus den
1. Buch Mose: Lot war in Sodom nicht integriert.
Dabei hatte er dort geheiratet, seine Töchter
sind dort zur Welt gekommen, seine
Schwiegereltern lebten dort und auch seine
Schwäger und Schwiegersöhne. Trotzdem, irgendwie
wurde er NICHT einer von ihnen. Er blieb anders
und zeigte Charakter!
Im Deutschland der 1920er Jahre
empfanden sich Juden als deutsch und sie
spielten eine große Rolle in der deutschen
Gesellschaft. Im Ersten Weltkrieg fielen mehrere
tausend Juden „für Kaiser und Vaterland“. Allein
aus Elmshorn waren 32 Juden an der Front und
sechs sind gefallen. Wie alle anderen Deutschen
haben auch die Juden Wirtschaftskrise und
Inflation erlebt.
Das deutlichste Indiz für diese
Integration – und eigentlich war es schon
Assimilation – ist die Tatsache, dass viele
deutsche Juden mit Nicht-Juden verheiratet
waren. Viele waren sogar getauft. Es gab eine
große Zahl von Menschen in Deutschland, die
einen jüdischen Eltern- oder Großelternteil
hatten. Das war nichts Besonderes für sie;
später aber wurde es zu einem Verhängnis. Wir
wissen aus der Geschichte der Nordelbischen
Kirche**),
dass es möglich war, als guter Christ
aufzuwachsen, ja, sogar Gemeindepfarrer und dann
Probst zu werden. Man konnte seinem Volk in
christlicher Liebe dienen - und musste dann
plötzlich erfahren, dass man als „Halb-Jude“
nicht mehr zählte. Man gehörte dann nicht mehr
richtig zur Kirche, obwohl Jesus selber ein
„Volljude“ war. Man wurde ausgegrenzt - als
„Mischling“. Was immer das bedeuten sollte, sind
wir nicht alle gemischt?
Plötzlich zählte das alles nicht
mehr. DAS ist die Tragödie für Deutschland. Man
lernte, dass es überhaupt nicht wichtig war, ob
man ein guter und loyaler Bürger war - oder
nicht; ob man als Beamter seine Pflicht erfüllt
hatte - oder nicht; ob man
als
Kriegsveteran sein Leben riskiert hatte - oder
nicht; ob man für sein Land sportliche Erfolge
erkämpft hatte - oder nicht. Als Kind war man in
einem deutschen Kindergarten, man absolvierte
die
Grundschule, das
Gymnasium, besuchte vielleicht die
Universität, konnte für deutschen Zeitungen
schreiben oder in deutschen Theatern spielen,
man konnte die deutsche Wirtschaft
mitfinanzieren; man konnte ein ganz normaler
Mensch sein, der einfach arbeitete, sparte,
seine Steuer zahlte und seine Freizeit in
irgendwelchen Vereinen verbrachte. Plötzlich
zählte man aber nicht mehr als Deutscher und
bald nicht einmal mehr als Mensch. Man galt als
Fremdkörper, wurde als „Untermensch“ bezeichnet.
Als „nicht ganz Mensch“, als ein „Nicht-Arier“,
konnte man wie Vieh behandelt werden, wurde
enteignet, verdrängt, vertrieben, schließlich
einfach vernichtet.
Es gab keine Werte mehr, keine
normalen moralischen Werte. Viele Tugenden -
Loyalität, Patriotismus, Gehorsamkeit - waren
auf den Kopf gestellt worden. Deutschland hat
unter diesem System gelitten - nicht nur Juden,
sondern viele andere Minderheiten auch. Ich
erinnere zuerst an die Sinti und Roma, dann aber
auch an die
Homosexuellen, die chronischen Kranken, die
Jazz-Musiker, an
bekennende Christen, Sozialisten, Künstler,
Intellektuelle. Sicher, es gab auch damals gute
Polizisten, gute Soldaten, gute Lehrer und
Nachbarn. Alle, die diese schrecklichen Jahre
überlebt haben, kennen oder kannten solche
Menschen und können Geschichten darüber
erzählen. Aber es waren nicht genug; sie waren
nicht stark genug; sie waren ähnlich hilflos und
ausgeliefert wie die wirklichen Opfer.
Und genau deswegen rate ich, den
9. November nicht nur als eine rein „Jüdische
Tragödie“ zu bezeichnen. Es war nicht „nur“ eine
jüdische Angelegenheit. Es war ein
Zivilisationsbruch für ganz Deutschland, für
ganz Europa, und schließlich für die ganze Welt.
Drei Jahre nach dem 9. November 1938 starben
junge deutsche Soldaten am Himmel über England,
in den Wüsten Nordafrikas, auf den russischen
Steppen, in den kalten, dunklen Gewässern tief
im Atlantik - fast überall auf der
Erde. Innerhalb von sieben Jahren starben
deutsche Männer, Frauen und Kinder zusammen mit
vielen ihrer Sklaven in Deutschland selbst. Und
nur, weil ihre Nation den falschen Weg gegangen
war und weil die - gewählten!! - führenden
Personen nicht willens und in die Lage waren,
vernünftig, integer und ehrlich zu denken und zu
handeln. Gier, Angst, Paranoia, Hass,
Vorurteile, Stolz, heidnischer Aberglaube an
Blut und Ehre brachten Elend und Armut, Angst
und Schmerzen und einen grausamen Tod für
Millionen von Menschen.
Der 9. November 1938 ist ein
Beispiel, wie so etwas beginnen kann: Man drängt
einen Teil der Bevölkerung in Ghettos, enteignet
sie, nimmt ihnen den Bürgerstatus, die
Staatsangehörigkeit, das Recht, als freie
Menschen zu denken
und zu
beten, verneint und verbietet sie. Man zerstört
ihre Gebetshäuser,
ihre
Geschäfte und Wohnungen, missachtet ihre
Sicherheit und Gesundheit, fegt ihre Hoffnungen
weg, zerschlägt ihre Familien und
Freundschaften. Viele wurden getötet, verletzt
oder verhaftet – auch mein Großvater. Viele
wurden sogar in den Freitod getrieben. Und alles
durch ein System, dass seine Bürger und
Einwohner eigentlich schützen soll: den Staat.
Jetzt ist es fast siebzig Jahre
her. Es gibt nur noch sehr wenige Augenzeugen.
Es scheint so lange her zu sein, dass einige es
schon vergessen haben oder versuchen,
es zu
vergessen. Aber es ist
noch nicht so lange her, dass das Vergessen
keine Auswirkungen mehr hätte. Und deshalb ist
es unsere Pflicht, der Vergangenheit zu gedenken
und daran zu erinnern. Nicht weil es
Vergangenheit ist, sondern weil
sie uns etwas
für die Gegenwart zu sagen hat, und auch für
unsere Zukunft.
Landesrabbiner
Walter Rothschild
*)
Der Beitrag geht auf eine Rede von
Rabbiner Walter Rothschild zur Erinnerung an die
Reichspogromnacht 1938 zurück. Sie wurde von ihm
am 9. November 2006 in Elmshorn
(Schleswig-Holstein) gehalten. Er wurde erstmals
publiziert in
"Jüdisches Schleswig-Holstein - Januar
2007".
**)
Mit der Nordelbischen Kirche ist die
Evangelische Kirche in Nordelbien gemeint. Sie
umfasst Hamburg und Schleswig-Holstein. |