Ich habe mal ein Jahr lang auf einer karibischen
Insel gelebt. Für manche ist das ein Paradies,
denn dort ist fast immer Sommer. Die meiste Zeit
ist es warm, sonnig, nur die Passatwinde bringen
ein wenig Abkühlung. Für mich war das kein
Paradies. Als Europäer vermisste ich an manchen
Tagen die kalte Luft im Winter, den Schnee, die
Zeichen des Jahreszyklus, den Wechsel in den
Jahreszeiten. Es wurde langweilig, es gab keinen
Grund, sich auf den Sommer zu freuen. Das
änderte nichts.Wie wichtig sind die
Jahreszeiten? In anderen Regionen der Welt sind
sie vielleicht weniger wichtig. Aber hier? Wenn
der Winter fast so warm ist wie der Frühling,
man den Frühling eigentlich Spätling nennen
müsste, und der Sommer sich mit Dürre und
Hitzewelle präsentiert? Und der Herbst? Können
wir künftig noch mit normalen Ernten rechnen?
Wird es auf Dauer genug zu essen geben?
Wir verstehen in den letzten Jahren immer
besser, wie kritisch es mittlerweile um unser
Weltklima steht. Die allgemeine Erwärmung kann
auch für unseren Teil der Welt gefährlich
werden. Die kleinen Stürme, die wir zuletzt
erlebt haben, sind wohl nur ein Vorgeschmack.
Sicher, ein Teil dieser Veränderungen geht
auf normale Prozesse in der Natur selbst zurück.
Darauf haben wir wenig Einfluss. Aber die
Experten sind sich einig, dass ein sehr großer
Anteil mit Handlungen von Menschen zu tun hat,
mit der Art und Weise, wie wir unsere Umwelt
beeinflussen – durch Abgase, das Abholzen der
Regenwälder und den rapiden Verbrauch von
natürlichen Energiequellen und Naturschätzen.
Sie brauchten Jahrmillionen, um sich aufzubauen.
Wir können die Uhr nicht zurückdrehen, aber wir
können Einfluss nehmen darauf, ob sich die
Jahreszeiten weiter verschieben oder sogar
angleichen. 2007 sollte ein Jahr werden, in dem
wir lernen, wie wichtig die Jahreszeiten sind.
Kehren wir zum jüdischen Kalender zurück. Tu
B’Schwat, der 15. Tag des Monats Schewat, wurde
in der Tradition als der "Neujahrstag der Bäume"
bezeichnet. Eigentlich war das ein rein
administratives Datum – ein Steuertermin. Er ist
aber auch ein Hinweis darauf, dass Bäume
Lebewesen sind. Wenn wir Bäume fällen - wenn wir
sie zu unserem Nutzen "töten" – müssen wir auch
daran denken, neue Bäume zu pflanzen. Zu unserem
Nutzen, denn wir brauchen sie zum Leben - ihre
Blätter, ihre Früchte und ihr Holz. Ohne Bäume,
Wälder, vor allem auch Urwälder, wird sich unser
Klima sich noch stärker verändern. Unter den
Wissenschaftlern wird zwar darüber gestritten,
wann die praktischen Folgen einer solchen
Besinnung wirksam werden. Aber sind wir nicht
verpflichtet, positive Schlussfolgerungen aus
unseren Erkenntnissen zu ziehen?
In Nord- und Mitteleuropa ist es
normalerweise an Tu B’Schwat kalt, um junge
Bäume richtig einpflanzen zu können. Nun
schreibe ich diese Gedanken einige Wochen vor Tu
B’Schwat. Wenn es doch warm genug sein sollte,
um an diesem Tag Bäume zu pflanzen, dann ist das
nicht unbedingt ein gutes Zeichen! Und doch ist
es ein Grund, an unsere Welt, an unser Klima und
an unsere Bäume zu denken – und besser noch: es
ist ein Grund, einen Baum zu pflanzen.
Schalom! Rabbiner
Walter Rothschild