Wort des Rabbiners 

#  15

Zu Tu B’Schwat 5767:
Wie wichtig sind uns die Jahreszeiten?

 

Ich habe mal ein Jahr lang auf einer karibischen Insel gelebt. Für manche ist das ein Paradies, denn dort ist fast immer Sommer. Die meiste Zeit ist es warm, sonnig, nur die Passatwinde bringen ein wenig Abkühlung. Für mich war das kein Paradies. Als Europäer vermisste ich an manchen Tagen die kalte Luft im Winter, den Schnee, die Zeichen des Jahreszyklus, den Wechsel in den Jahreszeiten. Es wurde langweilig, es gab keinen Grund, sich auf den Sommer zu freuen. Das änderte nichts.

Wie wichtig sind die Jahreszeiten? In anderen Regionen der Welt sind sie vielleicht weniger wichtig. Aber hier? Wenn der Winter fast so warm ist wie der Frühling, man den Frühling eigentlich Spätling nennen müsste, und der Sommer sich mit Dürre und Hitzewelle präsentiert? Und der Herbst? Können wir künftig noch mit normalen Ernten rechnen? Wird es auf Dauer genug zu essen geben?

Wir verstehen in den letzten Jahren immer besser, wie kritisch es mittlerweile um unser Weltklima steht. Die allgemeine Erwärmung kann auch für unseren Teil der Welt gefährlich werden. Die kleinen Stürme, die wir zuletzt erlebt haben, sind wohl nur ein Vorgeschmack.

Sicher, ein Teil dieser Veränderungen geht auf normale Prozesse in der Natur selbst zurück. Darauf haben wir wenig Einfluss. Aber die Experten sind sich einig, dass ein sehr großer Anteil mit Handlungen von Menschen zu tun hat, mit der Art und Weise, wie wir unsere Umwelt beeinflussen – durch Abgase, das Abholzen der Regenwälder und den rapiden Verbrauch von natürlichen Energiequellen und Naturschätzen. Sie brauchten Jahrmillionen, um sich aufzubauen. Wir können die Uhr nicht zurückdrehen, aber wir können Einfluss nehmen darauf, ob sich die Jahreszeiten weiter verschieben oder sogar angleichen. 2007 sollte ein Jahr werden, in dem wir lernen, wie wichtig die Jahreszeiten sind.

Kehren wir zum jüdischen Kalender zurück. Tu B’Schwat, der 15. Tag des Monats Schewat, wurde in der Tradition als der "Neujahrstag der Bäume" bezeichnet. Eigentlich war das ein rein administratives Datum – ein Steuertermin. Er ist aber auch ein Hinweis darauf, dass Bäume Lebewesen sind. Wenn wir Bäume fällen - wenn wir sie zu unserem Nutzen "töten" – müssen wir auch daran denken, neue Bäume zu pflanzen. Zu unserem Nutzen, denn wir brauchen sie zum Leben - ihre Blätter, ihre Früchte und ihr Holz. Ohne Bäume, Wälder, vor allem auch Urwälder, wird sich unser Klima sich noch stärker verändern. Unter den Wissenschaftlern wird zwar darüber gestritten, wann die praktischen Folgen einer solchen Besinnung wirksam werden. Aber sind wir nicht verpflichtet, positive Schlussfolgerungen aus unseren Erkenntnissen zu ziehen?

In Nord- und Mitteleuropa ist es normalerweise an Tu B’Schwat kalt, um junge Bäume richtig einpflanzen zu können. Nun schreibe ich diese Gedanken einige Wochen vor Tu B’Schwat. Wenn es doch warm genug sein sollte, um an diesem Tag Bäume zu pflanzen, dann ist das nicht unbedingt ein gutes Zeichen! Und doch ist es ein Grund, an unsere Welt, an unser Klima und an unsere Bäume zu denken – und besser noch: es ist ein Grund, einen Baum zu pflanzen.

Schalom! Rabbiner Walter Rothschild