An „Purim“
feiern wir einen Sieg. Keinen Kompromiss, keinen
Friedensvertrag, keinen Teilungsplan – nein, wir
erinnern uns an einen Sieg und feiern ihn. Es
gab Tote, viele Tote sogar - aber ausnahmsweise
waren es mal nicht unsere.
Manche
haben Probleme mit diesem Fest. Diese
Geschichte, sagen sie, sei zu brutal. Sie sei
unglaublich. Wie konnten die Juden nur solche
Rache nehmen an den armen Persern? Sie denken
zum Beispiel an die Verse 5 und 6 im Kapitel 9
des Buches Esther: „Und es schlugen die
Jehudim unter all ihren Feinden Schläge des
Schwertes und des Würgens und der Vernichtung,
und taten an ihren Feinden nach Herzenslust. Und
in Schuschan der Burg erschlugen die Jehudim und
vernichteten fünf hundert Mann."*) Und ein
paar Verse weiter wird ergänzt, dass auch die
zehn Söhne Hamans hingerichtet werden mussten.
Die
Esther-Rolle zählt alles säuberlich auf! Wir
haben keine Ahnung, wie viele Juden Haman im
ganzen persischen Reich mit seinen 127 Provinzen
zum Opfer gefallen wären, hätte er seinen Weg
gehen und seine Wünsche durchsetzen können – er
wollte jedenfalls alle vertilgen (Esther 3 Vers
6). Die Juden dagegen – so wird berichtet -
töteten Männer aber keine Frauen und Kinder. Und
zweimal wird im Text betont: "aber nach der
Beute streckten sie nicht ihre Hand"*) (Vers
10 & 15). Am zweiten Tag erschlugen sie noch 300
in der Burg Schuschan (Susa), und im Reste des
Reichs 75.000 - und wieder (zum dritten Mal)
wird gesagt, sie streckten ihre Hände nicht nach
der Beute. (Kap. 9 Vers 16).
Es
war also kein Raubmord. Es war auch kein
rassistisch-motivierter Genozid. Und es war
eigentlich auch kein Rachefeldzug. Nach dieser
Überlieferung starben keine unschuldigen
Mitläufer oder etwa Menschen, die zufällig dabei
waren. Für die Juden ging es damals ums
Überleben. Mit Hilfe des Staates konnten sie
endlich die, die sie mit Vernichtung bedroht
hatten, selber "erledigen". Aber nur diese,
keine anderen. So steht es in Kapitel 9 Vers 16:
"Wa’amod al-Nafscham" - "Sie
standen für ihr Leben, und schafften sich Ruhe
vor ihren Feinden."*)
Die
historisch-kritische Forschung bezweifelt, dass
das Esther wirklich historisch ist und meint,
typische Märchenmotive entdecken zu können. Das
Buch Esther wäre danach ein märchenhaftes
Lehrwerk, eines, das gut tut, wenn man in der
Diaspora lebt und fortwährend bedroht wird. Mir
dagegen kommt das Buch Esther authentisch vor.
In einer Zeit, in der wieder ein Staatsoberhaupt
aus Persien bzw. dem Iran in aller
Öffentlichkeit den Wunsch formuliert, alle Juden
auszulöschen und alle Bewohner des Staates
Israels (ob Juden, Christen oder Muslime!!) zu
vernichten - wie kann ich da der Megillat Esther
nicht glauben?
Wichtig ist etwas anderes: Es gibt einen ganz
großen Unterschied zwischen einem Genozid und
dem gezielten Angriff auf echte Feinde. Die
Feinde - Achaschwerosch und seine Diener - waren
bereit, Männer, Frauen und Kinder, Jung und Alt,
alle Juden (!), auszulöschen - an einem Tag,
einfach so! Egal, wer sie waren, welchen
Verdienste sie für den Staat erworben hatten, ob
sie fromm waren, arm oder reich, gebildet oder
nicht. Alle wurden als "Ausländer" und
"Untermenschen" eingestuft und sollten
ausgerottet werden. Die Juden aber verteidigten
sich. Sie wussten recht genau, wer ihre Feinde
waren. So berichtet es der Text der Megillat
Esther.
Also
- wir feiern. Mit Karnevalsmasken und Alkohol,
mit Hamantaschen oder anderen Leckereien, mit
Musik und Tanz, mit einer Lesung aus diesem
merkwürdigen Buch. Es gibt einen Grund zu
feiern. "Mir senen do" - Wir sind noch
hier!
Im
Hawdalah-Gottesdienst am Schabbatausgang wird
ein Vers aus der Megilla (Kapitel 8 Vers 16)
zitiert: "LaJehudim hajta Ora, weSimcha
weSasson V’Ikar!" - "Bei den Jehudim war
Licht und Freude und Lust und Ehre".*) Sie
waren wieder angesehene Leute. Dazu ergänzte der
anonyme Liturg den frommen Wünsch: "Kejn
tihjeh lanu!" - "So geschehe es auch
uns!"
Was kann
man mehr sagen?
Hag Purim Sameach!!!
Rabbiner
Walter Rothschild
*)