Wort des Rabbiners 

#  16

Zu Purim 5767:
Wir sind noch
da!

 

An „Purim“ feiern wir einen Sieg. Keinen Kompromiss, keinen Friedensvertrag, keinen Teilungsplan – nein, wir erinnern uns an einen Sieg und feiern ihn. Es gab Tote, viele Tote sogar - aber ausnahmsweise waren es mal nicht unsere.

Manche haben Probleme mit diesem Fest. Diese Geschichte, sagen sie, sei zu brutal. Sie sei unglaublich. Wie konnten die Juden nur solche Rache nehmen an den armen Persern? Sie denken zum Beispiel an die Verse 5 und 6 im Kapitel 9 des Buches Esther: „Und es schlugen die Jehudim unter all ihren Feinden Schläge des Schwertes und des Würgens und der Vernichtung, und taten an ihren Feinden nach Herzenslust. Und in Schuschan der Burg erschlugen die Jehudim und vernichteten fünf hundert Mann."*) Und ein paar Verse weiter wird ergänzt, dass auch die zehn Söhne Hamans hingerichtet werden mussten.

Die Esther-Rolle zählt alles säuberlich auf! Wir haben keine Ahnung, wie viele Juden Haman im ganzen persischen Reich mit seinen 127 Provinzen zum Opfer gefallen wären, hätte er seinen Weg gehen und seine Wünsche durchsetzen können – er wollte jedenfalls alle vertilgen (Esther 3 Vers 6). Die Juden dagegen – so wird berichtet - töteten Männer aber keine Frauen und Kinder. Und zweimal wird im Text betont: "aber nach der Beute streckten sie nicht ihre Hand"*) (Vers 10 & 15). Am zweiten Tag erschlugen sie noch 300 in der Burg Schuschan (Susa), und im Reste des Reichs 75.000 - und wieder (zum dritten Mal) wird gesagt, sie streckten ihre Hände nicht nach der Beute. (Kap. 9 Vers 16).

Es war also kein Raubmord. Es war auch kein rassistisch-motivierter Genozid. Und es war eigentlich auch kein Rachefeldzug. Nach dieser Überlieferung starben keine unschuldigen Mitläufer oder etwa Menschen, die zufällig dabei waren. Für die Juden ging es damals ums Überleben. Mit Hilfe des Staates konnten sie endlich die, die sie mit Vernichtung bedroht hatten, selber "erledigen". Aber nur diese, keine anderen. So steht es in Kapitel 9 Vers 16: "Wa’amod al-Nafscham" - "Sie standen für ihr Leben, und schafften sich Ruhe vor ihren Feinden."*)

Die historisch-kritische Forschung bezweifelt, dass das Esther wirklich historisch ist und meint, typische Märchenmotive entdecken zu können. Das Buch Esther wäre danach ein märchenhaftes Lehrwerk, eines, das gut tut, wenn man in der Diaspora lebt und fortwährend bedroht wird. Mir dagegen kommt das Buch Esther authentisch vor. In einer Zeit, in der wieder ein Staatsoberhaupt aus Persien bzw. dem Iran in aller Öffentlichkeit den Wunsch formuliert, alle Juden auszulöschen und alle Bewohner des Staates Israels (ob Juden, Christen oder Muslime!!) zu vernichten - wie kann ich da der Megillat Esther nicht glauben?

Wichtig ist etwas anderes: Es gibt einen ganz großen Unterschied zwischen einem Genozid und dem gezielten Angriff auf echte Feinde. Die Feinde - Achaschwerosch und seine Diener - waren bereit, Männer, Frauen und Kinder, Jung und Alt, alle Juden (!), auszulöschen - an einem Tag, einfach so! Egal, wer sie waren, welchen Verdienste sie für den Staat erworben hatten, ob sie fromm waren, arm oder reich, gebildet oder nicht. Alle wurden als "Ausländer" und "Untermenschen" eingestuft und sollten ausgerottet werden. Die Juden aber verteidigten sich. Sie wussten recht genau, wer ihre Feinde waren. So berichtet es der Text der Megillat Esther.

Also - wir feiern. Mit Karnevalsmasken und Alkohol, mit Hamantaschen oder anderen Leckereien, mit Musik und Tanz, mit einer Lesung aus diesem merkwürdigen Buch. Es gibt einen Grund zu feiern. "Mir senen do" - Wir sind noch hier!

Im Hawdalah-Gottesdienst am Schabbatausgang wird ein Vers aus der Megilla (Kapitel 8 Vers 16) zitiert: "LaJehudim hajta Ora, weSimcha weSasson V’Ikar!" - "Bei den Jehudim war Licht und Freude und Lust und Ehre".*) Sie waren wieder angesehene Leute. Dazu ergänzte der anonyme Liturg den frommen Wünsch: "Kejn tihjeh lanu!" - "So geschehe es auch uns!"

Was kann man mehr sagen?

Hag Purim Sameach!!!  
R
abbiner Walter Rothschild

*) Die Zitate aus der Esther-Rolle entstammen dieser Ausgabe der hebräischen Bibel:
Die vierundzwanzig Bücher der Heiligen Schrift, übersetzt von Leopold Zunz,
Victor Goldschmidt Verlag, Basel 1980