Wort des Rabbiners 

#  17

Zu Pessach 5767:
Befreiung und Opfer

 

Ich komme gerade aus Israel. Dort habe ich mir dort "Haggada schel Pessach", eine Pessacherzählung gekauft. Sie ist etwas anders als die üblichen: Sie versucht zu erklären, wie Pessach gefeiert wurde als der Tempel noch existierte. Geschichte und Illustrationen schildern alle Gesetze und Riten, die in der Tora dazu zu finden sind - mit Priestern, Altar und Opfern. Sehr interessant, sehr schöne Bilder - aber völlig irrelevant. Warum? Weil wir keinen Tempel mehr haben und rund 2000 Jahre lang auch keinen hatten! Und trotzdem feiern wir Pessach!

 Wieso? Ein Hinweis dazu kann man im "Dajenu" Lied finden. Es ist ein fröhliches Lied, das nach einem sich wiederholenden Schema aufgebaut ist: Wenn jenes geschehen wäre, aber etwas anderes nicht - dann wäre es trotzdem genug gewesen. Es ist also ein Lied, das uns lehrt, mit weniger zufrieden zu sein. Damit wir "Genug!" sagen können und unserer Habgier eine Grenze setzen. So geht es bis zum Schluss. In der vorletzten Strophe heißt es: "Wenn wir ein Land bekommen hätten, aber keinen Tempel - auch das wäre genug gewesen sein." Mit anderen Worten: Wir können auch ohne Tempel als Juden leben!

 Wie? Indem wir unsere Befreiung feiern. Nicht nur die damals aus Ägypten, sondern auch die heute, in der Gegenwart. Denn in der Haggada steht auch, dass uns in jeder Generation jemand versucht, uns zu unterdrücken, und oft haben wir darunter gelitten. Trotzdem: Es gibt uns noch - "Mir seynen do"!

Es ist eine Mizwa, ein Gebot, an Pessach, über Befreiung an sich nachzudenken. Man soll sich an diesen Tagen nicht nur deprimiert die Zeiten vergegenwärtigen in denen wir versklavt oder unterdrückt waren – dafür gibt es genügend andere Gelegenheiten – nein, wir sollen an Befreiung denken: körperlich oder innerlich, politisch oder persönlich. Und jede und jeder Einzelne wird gewiss in jedem Jahr eine neue Erfahrung machen: Befreiung aus einem Land in dem die Behörden sehr 'unfreundlich' waren? Befreiung aus einem Job in dem wir unzufrieden waren? Befreiung von einer Sorge, einer Krankheit, einer unglücklichen Ehe oder Beziehung, einer Angst, von Schulden, einer Sucht? Es gibt unendlich viele Möglichkeiten.

Am Vorabend von Pessach, an Erew Pessach, bringen wir heute kein Lammopfer mehr dar. Wir erinnern uns an diese alten Zeiten in dem wir ein Sandwich essen aus Matzen (ungesäuertem Brot) und Maror (Bitterkraut). Das steht symbolisch für die Erinnerung an Flucht, an Armut, an bittere Zeiten. Dafür nehmen wir uns Zeit – nicht zuletzt, weil wir die Freiheit haben, sie uns zu nehmen. Und wir erzählen von der Befreiung und von der Freiheit.

Wir sprechen darüber, was es uns bedeutet, nicht mehr versklavt zu sein. Zeit ist unsere Art des Dankopfers: Keine Eile, kein Drück. Gewiss, in der Haggada, einem kleinen dünnen Buch, lesen wir über einen Teil unserer Geschichte. Aber es ist eben nur ein Bruchteil, der Rest kommt von uns.

Sind wir wirklich frei? Wissen wir, unsere Freiheit zu schätzen und zu genießen? Ich hoffe es, und wünsche allen, ein fröhliches und befreiendes Pessachfest.

Hag Kascher weSameach,!!!  
R
abbiner Walter Rothschild

Es wäre genug gewesen
(Dajenu)

Wie viele Wohltaten hat die Gegenwart Gottes uns erwiesen!

Hätte Gott uns aus Ägypten herausgeführt, ohne das Urteil über Ägypten zu vollstrecken, wäre dies bereits genug für uns gewesen.

Hätte Gott das Urteil über Ägypten vollstreckt, ohne die ägyptischen Götter zu besiegen, wäre dies bereits genug für uns gewesen.

Hätte Gott die ägyptischen Götter besiegt, ohne das Meer zu teilen, wäre dies bereits genug für uns gewesen.

Hätte Gott für uns das Meer geteilt, ohne uns hindurchzuführen, wäre dies bereits genug für uns gewesen.

Hätte Gott uns durch das Meer geführt, ohne uns vierzig Jahre in der Wüste zu versorgen, wäre dies bereits genug für uns gewesen.

Hätte Gott uns vierzig Jahre lang in der Wüste versorgt, ohne uns mit Manna zu speisen, wäre dies bereits genug für uns gewesen.

Hätte Gott uns mit Manna gespeist, ohne uns den Schabbat zu geben, wäre dies bereits genug für uns gewesen.

Hätte Gott uns den Schabbat gegeben, ohne uns zum Sinai zu bringen, wäre dies bereits genug für uns gewesen.

Hätte Gott uns zum Sinai gebracht, ohne uns die Tora zu geben, wäre dies bereits genug für uns gewesen.

Hätte Gott uns in das Land Israel gebracht, ohne den Tempel für uns zu errichten, wäre dies bereits genug für uns gewesen.

Wie viele und vielfältige Wohltaten begründen die Beziehung zwischen uns und Gott - Gottes Gegenwart ist überall -, denn Gott hat alle diese Wunder für uns getan, vom Auszug aus Ägypten bis zur Errichtung des Tempels.

Text aus: Die Pessach Haggada, hrg. von Michael Shire, Jüdische Verlagsanstalt Berlin, ISBN 3-934658-82-2