Ich komme gerade aus
Israel. Dort habe ich mir dort "Haggada schel
Pessach", eine Pessacherzählung gekauft. Sie ist
etwas anders als die üblichen: Sie versucht zu
erklären, wie Pessach gefeiert wurde als der
Tempel noch existierte. Geschichte und
Illustrationen schildern alle Gesetze und Riten,
die in der Tora dazu zu finden sind - mit
Priestern, Altar und Opfern. Sehr interessant,
sehr schöne Bilder - aber völlig irrelevant.
Warum? Weil wir keinen Tempel mehr haben und
rund 2000 Jahre lang auch keinen hatten! Und
trotzdem feiern wir Pessach!
Wieso? Ein Hinweis dazu
kann man im "Dajenu" Lied finden. Es ist ein
fröhliches Lied, das nach einem sich
wiederholenden Schema aufgebaut ist: Wenn jenes
geschehen wäre, aber etwas anderes nicht - dann
wäre es trotzdem genug gewesen. Es ist also ein
Lied, das uns lehrt, mit weniger zufrieden zu
sein. Damit wir "Genug!" sagen können und
unserer Habgier eine Grenze setzen. So geht es
bis zum Schluss. In der vorletzten Strophe heißt
es: "Wenn wir ein Land bekommen hätten, aber
keinen Tempel - auch das wäre genug gewesen
sein." Mit anderen Worten: Wir können auch ohne
Tempel als Juden leben!
Wie? Indem wir unsere
Befreiung feiern. Nicht nur die damals aus
Ägypten, sondern auch die heute, in der
Gegenwart. Denn in der Haggada steht auch, dass
uns in jeder Generation jemand versucht, uns zu
unterdrücken, und oft haben wir darunter
gelitten. Trotzdem: Es gibt uns noch - "Mir seynen do"!
Es ist eine Mizwa, ein
Gebot, an Pessach, über Befreiung an sich
nachzudenken. Man soll sich an diesen Tagen
nicht nur deprimiert die Zeiten vergegenwärtigen
in denen wir versklavt oder unterdrückt waren –
dafür gibt es genügend andere Gelegenheiten –
nein, wir sollen an Befreiung denken: körperlich
oder innerlich, politisch oder persönlich. Und
jede und jeder Einzelne wird gewiss in
jedem Jahr eine neue Erfahrung machen: Befreiung
aus einem Land in dem die Behörden sehr
'unfreundlich' waren? Befreiung aus einem Job in
dem wir unzufrieden waren? Befreiung von einer
Sorge, einer Krankheit, einer unglücklichen Ehe
oder Beziehung, einer Angst, von Schulden, einer
Sucht? Es gibt unendlich viele Möglichkeiten.
Am Vorabend von Pessach,
an Erew Pessach, bringen wir heute kein
Lammopfer mehr dar. Wir erinnern uns an diese
alten Zeiten in dem wir ein Sandwich essen aus
Matzen (ungesäuertem Brot) und Maror
(Bitterkraut). Das steht symbolisch für die
Erinnerung an Flucht, an Armut, an bittere
Zeiten. Dafür nehmen wir uns Zeit – nicht
zuletzt, weil wir die Freiheit haben, sie uns zu
nehmen. Und wir erzählen von der Befreiung
und von der Freiheit.
Wir sprechen darüber,
was es uns bedeutet, nicht mehr versklavt zu
sein. Zeit ist unsere Art des Dankopfers: Keine
Eile, kein Drück. Gewiss, in der Haggada, einem
kleinen dünnen Buch, lesen wir über einen Teil
unserer Geschichte. Aber es ist eben nur ein
Bruchteil, der Rest kommt von uns.
Sind wir wirklich frei?
Wissen wir, unsere Freiheit zu schätzen und zu
genießen? Ich hoffe es, und wünsche allen, ein
fröhliches und befreiendes
Pessachfest.
Hag Kascher weSameach,!!!
Rabbiner
Walter Rothschild