Wort des Rabbiners 

#  19

Zu den Sommerferien 2007
Erntezeit, Vorbereitungszeit!

 

Schon wieder Sommer. Schon wieder eine Zeit, die für viele Menschen irgendwie "leer" ist. Normalerweise schreibt der Rabbiner zu bestimmten Feiertagen. Im Sommer aber gibt es keine - nur einen Fastentag: Tischa beAw am 9. Aw (24. Juli 2007). Unser jüdischer Kalender bietet uns also derzeit nicht viel. Was soll ich sagen? Die Sonne soll scheinen - aber nicht zu stark! Regnen soll es auch – aber nicht zu viel! Die Ernte soll auf den Feldern reifen!

Unser jüdisches Jahr ist fast vorbei. Wir alle ernten jetzt, was wir gesät haben, und seien es Schulzeugnisse oder Semesterabschlüsse. Solche Dokumente zeigen ungefähr, was wir verdient haben: eine lang ersehnte "wohlverdiente Ruhe" am Ferienort? Oder stattdessen mehr Stress, Jobben, Lernen und Zuhause bleiben?

Was liegt vor uns? Welche Vorbereitungen müssen wir für das kommende Jahr treffen? Für das Schuljahr oder jüdische Jahr? Könnten wir die Zeit besser verbringen als nur durch Nichtstun? Könnte man sich auf die bevorstehenden Hohen Feiertage besinnen? Endlich mal, so dass zum Ende dieses Jahres nicht wieder alles im letzten Moment erledigt werden muss?

Wie wäre es damit, sich Zeit zu suchen, sich Zeit zu nehmen, um zu denken, zu träumen, zu meditieren, zu lesen und zu überlegen, um das ablaufende Jahr zu resümieren, um es irgendwie zu verdauen?

Ich persönlich finde das Konzept vom "Sommer-Loch" nicht attraktiv. Zeit ist kein "Loch", auch kein "schwarzes Loch" in dem nichts zu finden ist. Zeit ist ein Schatz, Zeit ist wertvoll. Keiner von uns weiß, wie viel Zeit jeder und jedem von uns noch bleiben wird. Eine Ruhepause, ein Urlaub, eine Reise - das ist kein "Loch", das ist etwas Positives. Ein Monat ohne große Feiertage sollte für eine Gemeinde bedeuten, endlich Zeit für andere wichtige Aufgaben zu finden - ohne Stress.

Ich wünsche einen guten Sommer - ein Sommerzeit ohne zu viel Hitze, ohne zu viel Lärm, ein Sommer mit Abwechslungen aber ohne Reisestress - einen Sommer, der es uns erlaubt, den Herausforderungen des Herbstes mit neuer Kraft und erstarktem Willen zu begegnen.

Schalom!
Rabbiner Walter Rotschild