Schon wieder Sommer. Schon wieder eine Zeit, die
für viele Menschen irgendwie "leer" ist.
Normalerweise schreibt der Rabbiner zu
bestimmten Feiertagen. Im Sommer aber gibt es
keine - nur einen Fastentag: Tischa beAw am 9.
Aw (24. Juli 2007). Unser jüdischer Kalender
bietet uns also derzeit nicht viel. Was soll ich
sagen? Die Sonne soll scheinen - aber nicht zu
stark! Regnen soll es auch – aber nicht zu viel!
Die Ernte soll auf den Feldern reifen!
Unser jüdisches Jahr ist fast vorbei. Wir alle
ernten jetzt, was wir gesät haben, und seien es
Schulzeugnisse oder Semesterabschlüsse. Solche
Dokumente zeigen ungefähr, was wir verdient
haben: eine lang ersehnte "wohlverdiente Ruhe"
am Ferienort? Oder stattdessen mehr Stress,
Jobben, Lernen und Zuhause bleiben?
Was liegt vor uns? Welche Vorbereitungen müssen
wir für das kommende Jahr treffen? Für das
Schuljahr oder jüdische Jahr? Könnten wir die
Zeit besser verbringen als nur durch Nichtstun?
Könnte man sich auf die bevorstehenden Hohen
Feiertage besinnen? Endlich mal, so dass zum
Ende dieses Jahres nicht wieder alles im letzten
Moment erledigt werden muss?
Wie wäre es damit, sich Zeit zu suchen, sich
Zeit zu nehmen, um zu denken, zu träumen, zu
meditieren, zu lesen und zu überlegen, um das
ablaufende Jahr zu resümieren, um es irgendwie
zu verdauen?
Ich persönlich finde das Konzept vom
"Sommer-Loch" nicht attraktiv. Zeit ist kein
"Loch", auch kein "schwarzes Loch" in dem nichts
zu finden ist. Zeit ist ein Schatz, Zeit ist
wertvoll. Keiner von uns weiß, wie viel Zeit
jeder und jedem von uns noch bleiben wird. Eine
Ruhepause, ein Urlaub, eine Reise - das ist kein
"Loch", das ist etwas Positives. Ein Monat ohne
große Feiertage sollte für eine Gemeinde
bedeuten, endlich Zeit für andere wichtige
Aufgaben zu finden - ohne Stress.
Ich wünsche einen guten Sommer - ein Sommerzeit
ohne zu viel Hitze, ohne zu viel Lärm, ein
Sommer mit Abwechslungen aber ohne Reisestress -
einen Sommer, der es uns erlaubt, den
Herausforderungen des Herbstes mit neuer Kraft
und erstarktem Willen zu begegnen.
Schalom!
Rabbiner Walter Rotschild