Wort des Rabbiners 

#  20

Zu den Hohen Feiertagen 2007
Von Akten und Listen
und guten Wünschen

 

Während der Hohen Feiertage grüßen wir uns mit "LeSchana Towa Tikatewu". Auf deutsch: "Mögest du eingeschrieben sein für ein gutes Jahr!". Dahinter steckt die Vorstellung, dass es irgendwo "da oben" drei Listen gibt: eine für die sehr Guten, eine für die richtig Bösen, und eine für uns - die Mehrheit, die dazwischen liegt.

Das ist natürlich nur eine Metapher; doch wir haben alle schon erfahren, was es bedeutet, auf einer Liste zu stehen. Diese Metapher weckt also viele Assoziationen. Das darf man nicht unterschätzen.

Vor kurzen war ich im Jüdischen Museum in Wien. Dort wird bis zum 21. Oktober eine eindrucksvolle Ausstellung gezeigt. Ihr Titel: "Ordnung Muss Sein". Vor ein paar Jahren hat man durch Zufall in einer alten Wohnung das gesamte Gemeindearchiv aus den Kriegsjahren gefunden. Darunter Karteien, Mitgliederlisten - und die Listen für die Transporte gen Osten - nach Litzmannstadt/Lodz, nach Izbica, nach Riga, nach Theresienstadt und noch einigen Orten mehr. Und dort liegen sie nun, diese alte Akten -  hinter Glas, ein wenig blass, staubig, jede einzelne sorgfältig getippt. In jeder Mappe liegt die Liste derer, die nie zurückkamen.

Oder denken wir an "Schindler’s Liste", eine Liste von Geretteten, oder an die Listen, die in Theresienstadt gefertigt worden waren. Jede Woche eine neue für den nächsten Transport.....

Vielleicht klingt das ein bisschen melodramatisch, aber das ist es nicht. Tatsächlich kennt niemand von uns das eigene Schicksal, die eigene Zukunft. Keiner von uns weiß, was das kommende Jahr bringen wird. Das beste, was wir dafür tun können, ist, dass wir einander ein gutes Jahr wünschen - natürlich verbunden mit Gebet, mit Reue, mit Umkehr (Teschuwa), mit guten Taten. Und an Jom Kippur, dann, wenn - theoretisch - alle diese imaginären Listen bereits fertig gestellt sind, wünschen wir uns "Chatima Towa": unser Eintrag für ein gutes Jahr soll jetzt besiegelt und bestätigt werden.

Chatima Towa!
Rabbiner Walter Rotschild