Wort des Rabbiners 

#  21

Zu Chanukka 5768 (2007)
Was wäre ein Wunder?

 

"Al haNissim, we'al haGewurot, we'al haTschu'ot, we'al haNifla'ot, sche' assita la'Awotejnu, baJamim haHem, uwaS'man haSeh....." "Wir danken dir für die Zeichen deiner Treue und Stärke, für die Hilfe und für die Wunder, die du damals zu dieser Zeit für unsere Vorfahren getan hast....."

Das Gebet für Chanukka - das sogenannte "Al HaNissim" - gibt es in mehreren Variationen. Es wird sowohl während eines Gottesdienstes als auch beim Anzünden der Chanukka-Kerzen gesprochen. Wenn man es näher betrachtet, steht man allerdings vor einigen Fragen.

  • Zum Beispiel: Welche Wunder gab es - damals in der Zeit der Makkabäer*)? Um welche Zeichen von Stärke ging es? Der Überlieferung nach**) gab es einen Aufstand. Was nicht so deutlich erinnert wird, es war einer von Juden gegen Juden: Die einen ließen sich auf die griechische Welt der Antike ein und waren u.a. bereit, deren Bräuche in ihrem Tempel in Jerusalem zu dulden und ihre Gottheiten  zu verehren.

  • Die anderen kämpften für ein Recht auf kulturelle und staatliche Selbstbestimmung. Dazu gehörte auch, dass im Tempel wieder traditionell jüdisch gebetet und geopfert werden sollte.

Neben dem religiösen Konflikt gab es also auch politische Differenzen. Jahrhunderte lang wurden die sog. Hellenisten, die hellenisierten Juden, als 'assimiliert' geschildert, als Leute, die ihre Seelen an die Regierung verkauft haben. Die heldenhaften Makkabäer dagegen hätten angeblich das 'echte Judentum' vertreten, die Traditionen der Vorväter. Man glaubte in einige Ländern, diesen antiken Konflikt in die Gegenwart übertragen zu können. Als wäre er vergleichbar mit den Unterschieden zwischen sogenannten 'orthodoxen' und sogenannten 'liberalen' Juden heute. Ich kann mich erinnern, wie vor ca. 30 Jahren in Jerusalem eine Gruppe von Orthodoxen uns Liberale beschimpft hat. Sie behaupteten, wir seien 'die Bösen' in der Chanukka-Geschichte.

Heute in Europa haben wir 'offizielle Gemeinden' – in Deutschland werden sie meist als 'Einheitsgemeinden' bezeichnet - und es gibt kleine, kämpfende liberale Gemeinden, die für ihre Rechte und um Anerkennung streiten. Sie beanspruchen mit ihren Rabbinern und deren Batei Din (Rabbinergerichte) das geistige Erbe der Vorkriegsgemeinden, und etwas vom materiellen Erbe wollen sie auch. Hier und da gibt es einen Erfolg, dann erleben wir wieder Rückschläge, kaum irgendwo gibt es Frieden und gegenseitige Toleranz.

Aus der Makkabäergeschichte kann man einiges lernen. Zum Beispiel über Kulturkämpfe im Nahen Osten, über Aufstände und Guerillakriege, über den Unterschied zwischen Propaganda und Wahrheit, über den Vorteil, den kleinere Gruppen bieten gegenüber großen und inflexiblen Institutionen. Von Wundern lesen wir überraschend wenig - trotz der bekannten Mythen und Legenden.

Diese Zeilen schrieb ich

  • kurz vor einer fast schon brutal zu nennenden Wahl zur Repräsentantenversammlung der Jüdische Gemeinde zu Berlin,

  • kurz vor der jährlichen Ratstagung des Zentralrates der Juden in Deutschland,

  • kurz vor weiteren Gespräche über die Lage der jüdischen Gemeinden in Sachsen-Anhalt,

  • kurz vor den Treffen zwischen Israel und seinen Feinden in Annapolis.

Wer weiß,  was die kommenden Monate uns bringen werden? Es wäre schön, wenn wir Frieden schaffen könnten – unter uns Juden ebenso wie mit unseren Gegnern.

Fragen wir uns: Können wir das allein schaffen, oder brauchen wir dafür Gottes Hilfe? Was wäre ein Zeichen der Stärke – und was ein Wunder?

Schalom und Chag Chanukah Ssameach.
Landesrabbiner Walter Rothschild.


*) Juda ha-Makkabi oder Judas Makkabäus (Makkaba, aramäisch für “der Hammer”) stammte aus einer aaronitischen Priesterfamilie. 165 v.Z. führte er einen siegreichen Aufstand gegen die Diadochenherrschaft der Saleukiden. Auslöser war u.a. die Plünderung und Entweihung des Jerusalemer Tempels zwei Jahre zuvor und der Versuch, die jüdische Bevölkerung zur Anbetung heidnischer Götterbilder zu nötigen. Juda ha-Makkabi gründete wieder einen jüdischen Staat in Palästina und begründete ein Jahrhundert der Herrschaft der Hasmonäer-Dynastie als Hohepriester und Könige.

**) Makkabäer-Bucher 1 und 2