"Al haNissim, we'al haGewurot, we'al
haTschu'ot, we'al haNifla'ot, sche' assita
la'Awotejnu, baJamim haHem, uwaS'man haSeh....."
"Wir danken dir für die Zeichen deiner Treue
und Stärke, für die Hilfe und für die
Wunder, die du damals zu dieser Zeit für
unsere Vorfahren getan hast....."
Das Gebet für Chanukka - das sogenannte "Al
HaNissim" - gibt es in mehreren Variationen. Es
wird sowohl während eines Gottesdienstes als
auch beim Anzünden der Chanukka-Kerzen
gesprochen. Wenn man es näher betrachtet, steht
man allerdings vor einigen Fragen.
-
Zum Beispiel: Welche Wunder gab es - damals
in der Zeit der Makkabäer*)?
Um welche Zeichen von Stärke ging es? Der
Überlieferung nach**)
gab es einen Aufstand. Was nicht so deutlich
erinnert wird, es war einer von Juden gegen
Juden: Die einen ließen sich auf die
griechische Welt der Antike ein und waren
u.a. bereit, deren Bräuche in ihrem Tempel
in Jerusalem zu dulden und ihre Gottheiten
zu verehren.
-
Die anderen kämpften für ein Recht auf
kulturelle und staatliche Selbstbestimmung.
Dazu gehörte auch, dass im Tempel wieder
traditionell jüdisch gebetet und geopfert
werden sollte.
Neben dem religiösen Konflikt gab es also auch
politische Differenzen. Jahrhunderte lang wurden
die sog. Hellenisten, die hellenisierten Juden,
als 'assimiliert' geschildert, als Leute, die
ihre Seelen an die Regierung verkauft haben. Die
heldenhaften Makkabäer dagegen hätten angeblich
das 'echte Judentum' vertreten, die Traditionen
der Vorväter. Man glaubte in einige Ländern,
diesen antiken Konflikt in die Gegenwart
übertragen zu können. Als wäre er vergleichbar
mit den Unterschieden zwischen sogenannten
'orthodoxen' und sogenannten 'liberalen' Juden
heute. Ich kann mich erinnern, wie vor ca. 30
Jahren in Jerusalem eine Gruppe von Orthodoxen
uns Liberale beschimpft hat. Sie behaupteten,
wir seien 'die Bösen' in der
Chanukka-Geschichte.
Heute in Europa haben wir 'offizielle Gemeinden'
– in Deutschland werden sie meist als
'Einheitsgemeinden' bezeichnet - und es gibt
kleine, kämpfende liberale Gemeinden, die für
ihre Rechte und um Anerkennung streiten. Sie
beanspruchen mit ihren Rabbinern und deren Batei
Din (Rabbinergerichte) das geistige Erbe der
Vorkriegsgemeinden, und etwas vom materiellen
Erbe wollen sie auch. Hier und da gibt es einen
Erfolg, dann erleben wir wieder Rückschläge,
kaum irgendwo gibt es Frieden und gegenseitige
Toleranz.
Aus der Makkabäergeschichte kann man einiges
lernen. Zum Beispiel über Kulturkämpfe im Nahen
Osten, über Aufstände und Guerillakriege, über
den Unterschied zwischen Propaganda und
Wahrheit, über den Vorteil, den kleinere Gruppen
bieten gegenüber großen und inflexiblen
Institutionen. Von Wundern lesen wir
überraschend wenig - trotz der bekannten Mythen
und Legenden.
Diese Zeilen schrieb ich
-
kurz vor einer fast schon brutal zu
nennenden Wahl zur Repräsentantenversammlung
der Jüdische Gemeinde zu Berlin,
-
kurz vor der jährlichen Ratstagung des
Zentralrates der Juden in Deutschland,
-
kurz vor weiteren Gespräche über die Lage
der jüdischen Gemeinden in Sachsen-Anhalt,
-
kurz vor den Treffen zwischen Israel und
seinen Feinden in Annapolis.
Wer weiß, was die kommenden Monate uns bringen
werden? Es wäre schön, wenn wir Frieden schaffen
könnten – unter uns Juden ebenso wie mit unseren
Gegnern.
Fragen wir uns: Können wir das allein schaffen,
oder brauchen wir dafür Gottes Hilfe? Was wäre
ein Zeichen der Stärke – und was ein Wunder?
Schalom und Chag Chanukah Ssameach.
Landesrabbiner Walter Rothschild.