Bei einem Bet Din (Rabbinergericht) stelle ich
gern diese Scherzfrage: "Wie haben Sie letztes
Jahr Purim gefeiert?" Natürlich kramen die
Kandidaten sofort ihr Wissen zusammen und
berichten von Megilla (Schriftrolle),
Hamantaschen (Purim-Gebäck), Lärm oder Masken.
Die richtige Antwort aber lautet anders: "Ich
kann mich nicht erinnern, ich war total
betrunken!"
Und tatsächlich, es gibt diese merkwürdige
Mitzwa, dieses rabbinische Gebot, sich an diesem
Fest zu betrinken. Zugegeben, für alkoholkranke
oder -labile Menschen und ihre Familien ist das
weder lustig noch ratsam, und das muss man
unbedingt respektieren! Aber im Prinzip gilt: An
Purim ist nahezu alles gestattet, was man
üblicherweise nicht machen sollte: Autoritäten
verspotten, Krach in der Synagoge veranstalten,
sich albern verkleiden, und - sich betrinken.
Nun ja: Eigentlich ist es eher ein Minhag (ein
Brauch) und weniger eine Mitzwa. Trotzdem: Die
Rabbinen sagen, dass man sich betrinken soll bis
man den Unterschied nicht mehr erkennen kann,
zwischen „Gesegnet sei Mordechai“ und „Verflucht
sei Haman“ ("Ad lo yadah bejn Baruch
Mordechau y‚Arur Haman)". Fällt Ihnen etwas
auf? Es wird alles auf den Kopf gestellt. Warum?
Versuchen wir eine andere Überlegung. Sie werden
es auch schon bemerkt haben: Es gibt immer noch
Menschen die nicht unterscheiden können
...
o
zwischen einer pluralistischen, streitbaren
Demokratie und einem Regime aus fanatischen
Fundamentalisten, die zu Terror erziehen, ihn
predigen und fördern, oder
o
zwischen Verhandlungen, die beiden Seiten
Frieden, Entwicklungsmöglichkeiten und
Sicherheit bringen sollen, und dem Ansinnen,
nationalen Selbstmord zu betreiben.
Dafür sind sie überzeugt, ...
o
dass
der Nationalismus der Palästinenser eine gute
Sache ist, während sie der jüdischen
Selbstbehauptung in einem eigenen Staat
'Imperialismus' vorwerfen und diesen deshalb
verachten und bekämpfen,
o
dass Israel
unschuldige, unbewaffnete Palästinenser
kollektiv bestraft, nur weil es gezielt jene
Wohngebiete und Häuser attackiert, aus denen
bereits mehrere Tausend Raketen auf israelische
Städte und Gemeinden geschossen wurden,
o
dass es
angemessen ist, israelische Produkte,
israelische Akademiker und israelische Politiker
zu boykottieren und überdies jeden Juden in
Deutschland auch noch für die Innen-, Außen- und
Verteidigungspolitik Israels verantwortlich
machen.
Auch unter denen, die überall auf der Welt laut
Freiheitsparolen rufen und sich gegen
Ausgrenzung und 'Apartheid’ engagieren, gibt es
eine Menge dummer Menschen, die den Unterschied
zwischen Gut und Böse oder zwischen Segen und
Fluch nicht zu erkennen vermögen. Es wäre schön,
man könnte sagen, "Es ist nur so, weil sie
besoffen sind". Aber leider ist es nicht so.
Um sie verstehen zu können, müssen wir uns auf
ihr Niveau begeben. Dafür braucht man Hilfe.
Alkohol ist ein solches Hilfsmittel. Den Rest
des Jahres braucht man einen klaren Kopf, um
solch gefährlichen Menschen begegnen zu können
und ihnen Paroli zu bieten. Aber einmal im Jahr
darf man ausnahmsweise eine andere Methode
probieren. Immerhin, man lebt noch!
Chag
Purim sameach!
Landesrabbiner Dr.Walter Rothschild.