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Ganz ehrlich: Wer denkt schon
darüber nach, was ihm oder ihr die Freiheit
bedeutet? Welche Freiheit? Wenn man Freiheit hat
spürt man sie kaum. Im Wahlkampf wird
gelegentlich pathetisch von ihr geredet. Aber
was bedeutet sie schon, wenn man sowieso frei
ist. Das sieht anders aus, wenn man die Freiheit
verliert oder schon verloren hat. Wenn sie
ersehnt wird, man dafür erst kämpfen muss oder
bereits im Kampf steht. Dann ist die Freiheit
teuer und wertvoll. Das ist schwer
nachzuvollziehen, wenn alles im Prinzip in
Ordnung ist:
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wenn man Schlafen gehen kann ohne
die Sorge, von der Geheimpolizei geweckt zu
werden,
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wenn man überall Spazieren gehen
kann,
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wenn man reden kann, wie einem
der Schnabel gewachsen ist und die Zeitung lesen
darf, die einem gefällt,
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wenn man spotten und Witze
erzählen darf, obwohl nicht alle darüber lachen
können,
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wenn man Freunde treffen kann
ohne fürchten zu müssen, dass sie vielleicht
Denunzianten sind, die einen
ins Gefängnis bringen.
Wenn man frei ist, weiß man
nicht, wie glücklich man sich fühlen sollte.
Freiheit scheint selbstverständlich zu sein. Sie
ist es aber nicht.
Immerhin, einmal im Jahr an
Pessach feiern wir unsere Freiheit. Wir reden
über eine Geschichte aus der Bibel, die eine
Zeit schildert in der wir als Sklaven in Ägypten
unterdrückt waren. Vor allem aber erzählt sie,
wie Gott uns damals gerettet hat. Aber die
Ereignisse werden nicht einfach so mitgeteilt
wie sie in der Tora geschrieben sind. Mehr noch:
Wir hören und sprechen sogar über eine Zeit nach
der Tora – jene Jahre als unser Land von den
Römern besetzt war und die Juden überlegten, ob
sie für ihre Freiheit erneut kämpfen sollen oder
lieber nicht.
Es geht nicht eindeutig aus der
Pessach-Haggada hervor, aber es sieht so aus,
dass es die Jüngeren waren, die Studenten von
Rabbi Akiwa ben Josef (um 50 – 135 d.Z.), die
sich ungeduldig gegen das römische Verbot (Berakot
61b) wehrten, Tora zu lesen. Während ihre Lehrer
- Rabbi Elieser, Rabbi Jehoschua, Rabbi El’asar
ben Asarja, Rabbi Akiwa und Rabbi Tarfon - über
Nacht des Auszugs aus Ägypten gedachten, wurden
sie von ihren Schülern am Morgen zum Morgengebet
aufgefordert. Heute wissen wir, dass der später
folgende Bar-Kochba-Aufstand eine Katastrophe
war. Viele starben, die Situation der Juden in
ihrem Land wurde noch schlimmer, sehr viele
wurde ganz daraus vertrieben. Rabbi Akiwa aber,
so berichtet der Talmud, starb als Märtyrer mit
den Worten des Sch’ma aus dem Morgengebet auf
den Lippen: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott,
der Ewige ist einzig!“
Freiheit – das ist eine schöne
Idee, aber es ist nicht leicht, sie zu
definieren. Es ist ja nicht so, dass sie darin
besteht, dass ALLES erlaubt wäre. Oft verbindet
sich damit "nur" dass Recht, frei über
Alternativen zu entscheiden. Alles geht nicht.
Bis vor zwanzig Jahren war es in
einem Teil Deutschlands nicht nur verboten, das
Land illegal zu besuchen, kriminalisiert war
auch die Absicht, es zu verlassen – und die, die
es dennoch versuchten, riskierten auf der Flucht
erschossen zu werden. Merkwürdig. Das ganze Land
war wie ein großes Gefängnis. Man war nicht mehr
frei, selber zu entscheiden, ob man gehen oder
bleiben wollte – warum auch immer: aus Liebe,
der Familie wegen, aus beruflichen Gründen, weil
man ein wirtschaftliches Interesse verfolgte.
Nicht viel anders war es in der Sowjetunion.
Auch dort spielte das Regime mit dem Leben
seiner Bürger. Sie waren nicht frei, selber zu
entscheiden wo sie leben wollten – ob daheim
oder im Ausland, ob in Israel oder sonst
irgendwo.
Heute sind wir frei. Wir können
unsere Religion praktizieren - oder es bleiben
lassen. Viele von uns nehmen diese Freiheit wahr
und versuchen großen Abstand zu halten vom
Judentum. Schade, denke ich. Aber sie sind frei,
sich so zu verhalten. Nur: Freiheit bringt auch
Pflichten mit sich. Sie ist nicht umsonst. Die,
die das Judentum verlassen, müssen verstehen,
dass die jüdischen Gemeinden ihnen später
vielleicht nicht mehr helfen können, wenn sie
doch Hilfe brauchen. Sie schwächen uns und sich
selbst durch ihren Austritt. Das gilt übrigens
auch für die Kirchen. Auch wer dort nichts
beiträgt zu seiner Freiheit, riskiert, zu
verlieren was ihm wichtig ist oder wieder
wichtig werden könnte.
Deshalb feiern wir, lesen die
Haggada, erzählen vom Auszug aus Ägypten und
erklären alles der nächsten Generation. Denn
auch sie soll sich so betrachten, als wäre sie
selbst ausgezogen – in die Freiheit!
Achten Sie auf sich!
Chag
Pessach sameach!
Landesrabbiner Dr.Walter Rothschild.
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