Wort des Rabbiners 

#  24

Zu Pessach 5768 (2008)
Von der schwierigen Freiheit

 

Ganz ehrlich: Wer denkt schon darüber nach, was ihm oder ihr die Freiheit bedeutet? Welche Freiheit? Wenn man Freiheit hat spürt man sie kaum. Im Wahlkampf wird gelegentlich pathetisch von ihr geredet. Aber was bedeutet sie schon, wenn man sowieso frei ist. Das sieht anders aus, wenn man die Freiheit verliert oder schon verloren hat. Wenn sie ersehnt wird, man dafür erst kämpfen muss oder bereits im Kampf steht. Dann ist die Freiheit teuer und wertvoll. Das ist schwer nachzuvollziehen, wenn alles im Prinzip in Ordnung ist:

         wenn man Schlafen gehen kann ohne die Sorge, von der Geheimpolizei geweckt zu werden,

         wenn man überall Spazieren gehen kann,

         wenn man reden kann, wie einem der Schnabel gewachsen ist und die Zeitung lesen darf, die einem gefällt,

         wenn man spotten und Witze erzählen darf, obwohl nicht alle darüber lachen können,

         wenn man Freunde treffen kann ohne fürchten zu müssen, dass sie vielleicht Denunzianten sind, die einen
     ins Gefängnis bringen.

Wenn man frei ist, weiß man nicht, wie glücklich man sich fühlen sollte. Freiheit scheint selbstverständlich zu sein. Sie ist es aber nicht.

Immerhin, einmal im Jahr an Pessach feiern wir unsere Freiheit. Wir reden über eine Geschichte aus der Bibel, die eine Zeit schildert in der wir als Sklaven in Ägypten unterdrückt waren. Vor allem aber erzählt sie, wie Gott uns damals gerettet hat. Aber die Ereignisse werden nicht einfach so mitgeteilt wie sie in der Tora geschrieben sind. Mehr noch: Wir hören und sprechen sogar über eine Zeit nach der Tora – jene Jahre als unser Land von den Römern besetzt war und die Juden überlegten, ob sie für ihre Freiheit erneut kämpfen sollen oder lieber nicht.

Es geht nicht eindeutig aus der Pessach-Haggada hervor, aber es sieht so aus, dass es die Jüngeren waren, die Studenten von Rabbi Akiwa ben Josef (um 50 – 135 d.Z.), die sich ungeduldig gegen das römische Verbot (Berakot 61b) wehrten, Tora zu lesen. Während ihre Lehrer - Rabbi Elieser, Rabbi Jehoschua, Rabbi El’asar ben Asarja, Rabbi Akiwa und Rabbi Tarfon - über Nacht des Auszugs aus Ägypten gedachten, wurden sie von ihren Schülern am Morgen zum Morgengebet aufgefordert. Heute wissen wir, dass der später folgende Bar-Kochba-Aufstand eine Katastrophe war. Viele starben, die Situation der Juden in ihrem Land wurde noch schlimmer, sehr viele wurde ganz daraus vertrieben. Rabbi Akiwa aber, so berichtet der Talmud, starb als Märtyrer mit den Worten des Sch’ma aus dem Morgengebet auf den Lippen: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig!“

Freiheit – das ist eine schöne Idee, aber es ist nicht leicht, sie zu definieren. Es ist ja nicht so, dass sie darin besteht, dass ALLES erlaubt wäre. Oft verbindet sich damit "nur" dass Recht, frei über Alternativen zu entscheiden. Alles geht nicht.

Bis vor zwanzig Jahren war es in einem Teil Deutschlands nicht nur verboten, das Land illegal zu besuchen, kriminalisiert war auch die Absicht, es zu verlassen – und die, die es dennoch versuchten, riskierten auf der Flucht erschossen zu werden. Merkwürdig. Das ganze Land war wie ein großes Gefängnis. Man war nicht mehr frei, selber zu entscheiden, ob man gehen oder bleiben wollte – warum auch immer: aus Liebe, der Familie wegen, aus beruflichen Gründen, weil man ein wirtschaftliches Interesse verfolgte. Nicht viel anders war es in der Sowjetunion. Auch dort spielte das Regime mit dem Leben seiner Bürger. Sie waren nicht frei, selber zu entscheiden wo sie leben wollten – ob daheim oder im Ausland, ob in Israel oder sonst irgendwo.

Heute sind wir frei. Wir können unsere Religion praktizieren - oder es bleiben lassen. Viele von uns nehmen diese Freiheit wahr und versuchen großen Abstand zu halten vom Judentum. Schade, denke ich. Aber sie sind frei, sich so zu verhalten. Nur: Freiheit bringt auch Pflichten mit sich. Sie ist nicht umsonst. Die, die das Judentum verlassen, müssen verstehen, dass die jüdischen Gemeinden ihnen später vielleicht nicht mehr helfen können, wenn sie doch Hilfe brauchen. Sie schwächen uns und sich selbst durch ihren Austritt. Das gilt übrigens auch für die Kirchen. Auch wer dort nichts beiträgt zu seiner Freiheit, riskiert, zu verlieren was ihm wichtig ist oder wieder wichtig werden könnte.

Deshalb feiern wir, lesen die Haggada, erzählen vom Auszug aus Ägypten und erklären alles der nächsten Generation. Denn auch sie soll sich so betrachten, als wäre sie selbst ausgezogen – in die Freiheit!

Achten Sie auf sich!

Chag Pessach sameach!
Landesrabbiner Dr.Walter Rothschild.