Wort des Rabbiners 

#  25

Zu Schawuot 5768 (2008)
Ein Volk des Rechts

 

'Wochen' sind es – hebräisch: Schawuot – nach Pessach, und zwar genau sieben: „Sieben Wochen sollst Du zählen“ heißt es im Buch Dewarim (Deuteronomium)[1], und „Bis zum Tag nach dem siebenten Schabbat sollt ihr zählen, fünfzig Tage“, heißt an einer anderen Stelle der Tora[2].  Ursprünglich ein Dankfest zur Weizenernte hat die rabbinische Tradition Schawuot neu gedeutet. „S’Man Matan Toratenu“: Es ist die Zeit zu der uns die Tora gegeben wurde, nämlich als Moses sie auf dem Berg Sinai empfangen hatte.

Die Tora selber kennt kein solches Datum - ganz im Gegenteil: Zweimal musste Mose auf den Gipfel des Sinai steigen, um diesem rätselhaften Gott zu begegnen. Als er beim ersten Mal zurückkehrte, bekam er einen Wutanfall und zerschmetterte die Tafeln, die er empfangen hatte. Das Volk hatte sich während seiner Abwesenheit ein goldenes Kalb zur Verehrung geschaffen.[3] Deshalb musste er noch einmal hoch auf den Gipfel aber auch wieder hinunter zu den Niederungen seines Volkes. Was genau die Rabbinen veranlasste, am 6. Siwan (in diesem Jahr 2008 ist das der 9. Juni) den Empfang der Tora zu feiern, ist nicht ganz sicher. Warum auch immer, das Buch Schemot (Exodus) beschreibt wie die Israeliten aus Ägypten flüchteten, in die Wüste kamen und schließlich diesen Berg erreichten.

Das dort etwas passierte, das bezeugt die Tora. Was genau, bleibt wieder im Nebel. Soviel aber ist klar: von diesen Zeitpunkt an hatten die Israeliten Gesetze: Sie verfügten über ganz praktische Regeln und Vorschriften für ihr Zusammenleben, und eine Struktur. Sie wussten nun für ihre Zeit präzise was Recht und Unrecht, was gut und böse, was legitim und illegitim, was erlaubt  und verboten ist. Dass sie – wie alle Menschen – auch vorher schon eine Ahnung davon hatten, davon erzählt Bereschit (Genesis) 3 am Beispiel von Adam und Chawa (Eva). Die  hatten vom Baum der Erkenntnis gegessen: „Nun gingen ihrer beiden Augen auf und sie merkten, dass sie nackt waren. Sie flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.“[4] Sie hatten also gelernt, zu unterscheiden. Ihre zweite Lektion war, dass die Entscheidung für das Verbotene Konsequenzen hat: Fortan war im Gan Eden (Garten Eden, dem Paradies) kein Platz mehr für sie.

Nun hat auch die Tora die Israeliten nicht einfach zu unschuldigen und gehorsamen Erdenbürgern gemacht – aber niemand von ihnen konnte seitdem sagen "Das wussten wir nicht". Sie konnten nie mehr behaupten, "Das ist nicht wichtig, es gibt kein Gesetz darüber". Von nun an waren die Israeliten ein Volk, nicht definiert durch ihren ethnischen Ursprung, sondern durch ihr Rechtssystem. Theoretisch konnte jeder der wollte zu diesem Volk hinzustoßen – er brauchte sich nur zu verpflichten, nach den Regeln der Tora zu leben. Die Gelehrten - die Rabbiner – übernahmen später die Aufgabe, mit diesen Gesetzen zu arbeiten – sie für neue Umstände auszulegen, sie genauer zu definieren und – wenn nötig – ab und zu sogar zu modifizieren. Wichtig ist, es gab eine Ordnung für das Zusammenleben in dieser Gesellschaft.

Das klingt nicht originell. Es scheint selbstverständlich, dass Völker Gesetze haben. Aber so einfach ist es nicht. Bis heute herrscht in einigen Ländern der Welt Gesetzlosigkeit, griechisch "Anarchie". Jede und jeder dort ist denen die stärker sind als sie einfach ausgeliefert. Die Menschen sind rechtlos. In anderen Gegenden herrscht ein übermächtiges Regime aus Tyrannen oder dominanten Organisationen: Milizen, Armeen, Autokraten. Ihre Gesetze sind willkürlich und brutal. Maßstab sind allein die Interessen der Machthaber. Sie entscheiden was Gesetz ist. Universale Rechtsnormen – Menschenrechte zum Beispiel – ignorieren sie. Arme, Schwache, Andersdenkende und unabhängige Köpfe sind wie Sklaven einem ungewissen Schicksal ausgeliefert.

Man ist nur frei und sicher, wenn für alle gleiches Gesetz gilt, wenn es ein Rechtssystem gibt, das den Menschen ermöglicht, ihre Pflichten und Rechte zu kennen, das transparent macht, was erlaubt ist und was nicht, wo Spielraum und Flexibilität bestehen, und wo nicht. In einem solchen System ist jeder für seine Taten verantwortlich. Nur der, der in einer Gesellschaft gelebt hat, die keine Regeln kannte oder Unrecht zu Recht erklärte, kann das wirklich verstehen. Wir aber können es wissen. Nicht zuletzt deshalb feiern wir Schawuot – sieben Wochen nach der Erinnerung von Pessach: Wir sind aus dem Sklavenhaus ausgezogen!

Baruch Atah Adonai, Noteyn haTorah. Gelobt seiest Du, Gott, Du gibst uns die Tora!

Landesrabbiner Dr.Walter Rothschild.


[1] Dewarim (Deuteronomium = 5. Buch Mose) 16:9

[2] Wajikra (Levitikus = 3. Buch Mose) 23:16

[3] Schemot (Exodus = 2. Buch Mose) 32

[4] Bereschit (Genesis = 1. Buch Mose) 3:7