Immer, wenn es etwas zu erzählen
gibt, stellt sich zuerst diese Frage: Womit soll
ich beginnen? Wann hat es begonnen? Wo, wann,
wie ging es los? Bei jeder Geschichte ist das so
und bei jedem Buch. Und manchmal drängt sich
eine weitere Frage auf: „Was war davor? VOR dem
Beginn?“ Was war, bevor überhaupt irgendetwas
anfangen konnte?
Die ersten Worte der Tora sind
vieldeutig - „IM Anfang“ (hebräisch: Bereschit).
Außerhalb aller uns bekannten Dimensionen hat
ein Schöpfer entschieden „Es geht los!“. Aber
während wir die ersten Wörter lesen, befinden
wir uns schon mitten IM Prozess der Schöpfung:
„Im Anfang schuf Gott...“ einfach alles! Das
bedeutet, Gott war schon vor aller messbaren
Gegenwart gegenwärtig.
Die Tora beginnt mit einem
Gedicht, und das beantwortet knapp und poetisch
bereits „letzte Fragen“. Sie beginnt mit
Metaphysik - nicht mit grausamen Geschichten von
grausamen Göttern, die miteinander in grausame
Kämpfe verstrickt sind, und die sich gegenseitig
grausam töten. In den ersten Versen der Tora
werden nicht sogleich menschliche Egomanien und
Revierkämpfe in den Himmel gespiegelt. An den
Anfang stellt die Tora vielmehr den Willen zu
schaffen: Es gibt ein Prinzip und einen Plan!
"Es soll sein!" Und es ward so. Am Anfang steht
einzig Einer – allein: Gott!
Wir hier – jetzt und heute – sind
nicht nur Erben dieses Plans, wir sind ein Teil
davon. Wir existieren nicht aus Zufall. Wir sind
nicht bloß die „Überreste“ eines großen Knalls
oder die Folgen der Verklumpung von kosmischem
Staub. Wir haben einen Zweck! Wir waren und wir
sind erwünscht! Das ist ein Trost. Die Tora
weist uns auf den Sinn menschlichen Lebens hin –
gleich am Anfang. Aber wo ein Anfang ist, gibt
es auch ein Ende. Das gehört dazu. Nur Gott ist
ewig, nur er hat keinen Anfang und kein Ende.
Die Welt ist anders!
Die Naturwissenschaftler
beschreiben die Geschichte der Erde und des
Weltalls weniger poetisch, und die Denkfiguren
für ihre Theorien sind andere. Die Physik kann
allerdings eine Menge nicht erklären. Es bleiben
Fragen offen. Damit sind wir wieder bei der
Metaphysik. Wo kommt die Materie her!? Die
Materie, die sich nach einem explosionsartigen
Urknall langsam gesammelt haben soll, muss schon
in irgendeiner Form vorhanden gewesen sein. Was
führte zu organischem Leben? Woher kam der
Lebenstrieb, die Kraft, das Etwas, das leblosen
Stoff veranlasste, sich selbst zu bewegen, zu
atmen, sich zu ernähren, sich fortzupflanzen, zu
lernen, zu denken und zu fühlen? Und warum gibt
es die unterschiedlichsten Arten von Leben? Was
führte zu dieser Vielfalt des Lebendigen: zu
Viren, Bakterien, Insekten, Pflanzen, Pilzen,
Fischen, Reptilien, Vögeln und Säugetieren?
Sind diese Fragen wichtig? Ja und
Nein. Man kann unbeschwert leben, ohne darüber
nachzudenken. Man muss sich nicht damit
beschäftigen. Aber trotzdem, jeder der denken
kann, stößt irgendwann auf solche Fragen. Wann
fing alles an? Woher bin ich gekommen? Und wohin
werde ich gehen?
Der Tora beginnt eigentlich sogar
mit ZWEI Texten zur Schöpfung. Vielleicht soll
uns das darauf aufmerksam machen, dass es nicht
um die Vermittlung naturwissenschaftlichen
Wissens geht, sondern um Erfahrung. Die erste
Version (Genesis 1:1 – 2:3) versucht auf
kosmische Art und Weise zu erklären: Licht,
Himmel und Erde, Sterne und Sonne, Meere, Berge,
Pflanzen, Vögel, Groß- und Kleintiere und
zuletzt den Ursprung des Menschen. Die zweite
Version hat einen einfachen Ausgangspunkt
(Genesis 2:4 – 25), und von diesem aus
extrapoliert sie die ganze Geschichte des
Menschen als die eines Lebewesens, das Beziehungen
pflegt, Entscheidungen fällt, Gefühle hegt,
Kinder zeugt, Familien aufbaut, Verpflichtungen
eingeht, für seinen Lebensunterhalt arbeitet und
Verantwortung trägt. Da sind wir mittendrin im
menschlichen Leben.
Nicht alles läuft nach Plan.
Jedenfalls nicht in der zweiten
Schöpfungsgeschichte. Sogar Gottes Allmacht hat
Grenzen! Er hat den Menschen Freiheiten gegeben,
aber die haben sich auch Freiheiten genommen.
Nun können und dürfen sie selber denken. Sie
müssen unterscheiden zwischen Gutem und Bösem.
Sie dürfen Beziehungen zu ihren Mitmenschen
aufbauen, sollen es sogar und brauchen sich
nicht nur auf ihren Schöpfer zu beschränken. Mit
anderen Worten: Wir sind zwar „Kinder Gottes“,
aber nicht seine Kleinkinder. Im Gegenteil. Man
muss eigentlich erwachsen sein, um diese
Geschichten in Bereschit lesen, analysieren und
verstehen zu können. Jedenfalls hilft es,
Lebenserfahrungen gemacht zu haben – ähnlich wie
Adam und Eva: mit Beziehungen zu Eltern,
Partnern und Kindern, mit Bosheiten, die einem
widerfahren sind und solchen, die man selbst
verteilt hat. Es hilft, zu wissen, wie es sich
anfühlt, betrogen, bestraft, vertrieben oder
entrechtet worden zu sein – aber auch Glück
erlebt zu haben, Freude und Überschwang. Das
Gute und das Böse erinnern uns: wir sind
sterblich. Die Idylle im Garten Eden währte nur
kurz. Es gibt hier kein Paradies mehr - und
selbst dort gab es Schlangen und Lüge und
Schmerzen und Betrug!
Es hat also begonnen. Der Anfang
liegt längst hinter uns. Die Geschichte geht
weiter. Und auch wir können nicht anders. Wir
lesen die Tora von Neuem: „IM Anfang...“. Für
wie lange noch? Aha - noch eine metaphysische
Frage…
Schalom!
Rabbiner Dr. Walter Rothschild.
26. Tischri 5769
(25. Oktober 2008)
Unser Rabbiner Dr. Walter
Rothschild legt alle vier Wochen die Parascha
(den Wochenabschnitt) zum Schabbat aus. Er
beginnt mit der ersten Lesung im jährlichen
Zyklus: Bereschit (hebräisch für "Im Anfang").
Den aktuellen Wochenabschnitt können Sie für den
jeweiligen Schabbat dem Menüpunkt
Termine
entnehmen.