Schon
die ersten Verse dieses Wochenabschnitts der
Tora geben Rätsel auf. Wir sind am Anfang des
Buches "Schemot"(hebr. für 'Namen')
[1]. Das zweite Buch der
Tora fängt mit den Namen an, um die es in den
letzten Kapiteln des Buches "Bereschit" ging:
den elf Söhnen Jaakows [2],
die mit ihrem Vater nach Ägypten gezogen sind
und Joseph, der dort bereits zu Rang und Würden
gekommen war. Alle haben sich offenbar mit ihren
Familien in Ägypten dauerhaft niedergelassen,
neue Familien gegründet und sich so stark
vermehrt, „dass das Land von ihnen voll war"
[3]“. Der Text geht zügig
zu den Schwierigkeiten über, denen die
Israeliten nun - etliche Generationen später -
im ägyptischen Goschen ausgesetzt sind. Dabei
stellen sich mehrere schwerwiegende theologische
Fragen:
§
Wo war Gott in den vergangenen Jahrhunderten?
§
Was wussten die Israeliten in Mizraim
[4] von ihrem Gott?
§
Warum wartete er bis die Israeliten wegen der
Unterdrückung durch die Ägypter schrieen und
weinten?
§
Warum ließ er zu, dass ihre Kinder ermordet
wurden?
§
Ist Gott vergesslich? Warum musste er sich erst
an seinen Bund [5] mit
Awraham erinnern?
Was ist
zu Beginn dieses Buches von dem Erzväterbund
geblieben? Jitzhak hatte ihn von Awraham
[6] geerbt, dessen Sohn
Jaakow hat ihn sich trickreich erschlichen, und
Jaakow wiederum hat ihn ganz offiziell an
Ephraim, seinen Enkelsohn, weitergereicht? Nur:
von Ephraim hören wir nichts mehr - sieht man
einmal von der symbolischen Bedeutung seines
Namens ab: doppelt fruchtbar. Ephraim ist
zwischen dem ersten und dem zweiten Buch der
Tora verstorben – irgendwo in Ägypten.
Jaakow
verlangte noch, in Hebron begraben zu werden
[7], und er wurde es auch
[8]. Auch Josef verfügte,
seine Gebeine nach seinem Tod irgendwann
mumifiziert in sein Heimatland zurückzubringen
[9]. Das Buch Joschua gibt
Auskunft darüber, wo er seine letzte Ruhe fand:
dort, wo sein Vater ein Grundstück gekauft
hatte, in Schechem [10].
Mehr haben wir nicht. Über die Grabstellen der
Brüder Josefs wird uns nichts mitgeteilt. Wir
erfahren auch nicht, was die zahlreich
gewordenen Kinder Jisraels über ihre
Stammesgeschichte gelernt haben. Wir wissen
nicht, was sie glauben, ob sie überhaupt etwas
vom "Gott Awrahams" verstehen. All das aber hat
Bedeutung für den Fortgang der Geschichte, vor
allem für Mosche [11] und
seinen Auftrag. Er soll sie zu ermutigen,
Ägypten zu verlassen. Seinem Gott und in dessen
Verheißungen müssen sie vertrauen, das aber
fällt ihnen schwer.
Nun,
ganz ohne Wurzeln sind sie nicht. Wir bekommen
ein paar Hinweise aus dem Text. Die zwei
hebräischen Hebammen fürchten Gott
[12]. Aber was bedeutet
das? Was hat man ihnen beigebracht? Wer hat es
getan? Wenn sie etwas wussten, wussten es die
anderen auch? Hatten die Israeliten zu dieser
Zeit schon Priester? Oder Lehrer? Oder haben die
Erstgeborenen oder die 'Ältesten' diese Aufgabe
übernommen? Später im Buch - in der Wüste –
lesen wir [13], dass die
Israeliten etwas verstanden von Götzenbildern
und Opferritualen – woher auch immer. Auch
Mosche wusste Bescheid über die technischen
Finessen der Ritualien. Er wusste, was gebraucht
wird, wie die Priesterkleidung auszusehen hat
und auch, was zu tun ist, als Gott ihm sagte:
„Mache für mich einen Altar"
[14]. Gott muss Mosche nicht erklären, was
ein Altar ist und wofür er zu benutzen ist –
nur: wie er nicht sein soll und wie er sich ihm
zu nähern hat.
Wo also
war Gott? Diese Frage ist uns durchaus vertraut.
Wo war Gott während der Schoa? Gott hört alles,
sagt der Volksmund. Aber hört Gott auch zu? Wie
laut muss man schreien, wie schlimm muss die
Situation sein, bevor er etwas wirklich
wahrnimmt? Das sind unbequeme Fragen, aber sie
liegen auf der Hand. Zurück zur Geschichte: Die
Israeliten sind in Ägypten keine willkommene
Gäste mehr. Sie werden gefürchtet, es werden
Maßnahmen ergriffen, um ihre Zahl mit Gewalt zu
begrenzen und zu reduzieren. Wir kennen das
Muster aus der Gegenwart. Zuerst werden
Ausländer als Gastarbeiter oder Asylsuchende
benötigt, und dann - dann werden sie angeblich
zu einer Last. Die Gesellschaft sieht eine
Gefahr in ihnen. Ob das stimmt oder nicht ist
nebensächlich. So werden sie gesehen.
Die
Israeliten haben zwar einen starken Verbündeten:
Gott. Aber das hilft ihnen offensichtlich nicht?
Als ihre männlichen Säuglinge in den Fluss
geworfen wurden, greift er nicht ein. Er lässt
es geschehen, dass sein Volk in die Sklaverei
gerät und schwere Fronarbeit verrichten muss. Es
scheint ihn nicht zu kümmern, dass die Familien
der Israeliten leiden und alle Hoffnung
verlieren.
Dass
Gott einen Plan hat, dem man vertrauen kann,
können eigentlich nur die wissen, die 'das Buch
des Bundes' [15] bereits
haben und mit ihm vertraut sind. Die Israeliten
in Ägypten hatten die Tora noch nicht. Erst am
Horeb, mitten in der Wüste Sinai, wird sie ihnen
gegeben und vorgelesen. Dass Mosche ein Bote
Gottes war, war für die Generation derjenigen,
die den Exodus und vierzig Jahre Wüste
mitgemacht hat, nicht offensichtlich. Im
Gegenteil, Mosches Initiativen machten ihr Los
noch ärger – zunächst in Ägypten und dann auf
einer äußerst strapaziösen, jahrelangen
Wüstenwanderung. Dieses Volk, das mehrmals
seinen Unmut über die ihm manchmal ziellos
erscheinende Wanderung äußerte, sahen die
Rabbinen des Talmud eher negativ
[16]. Ich dagegen kann es
recht gut verstehen.
Es sieht
so aus, als hätten wir es heute leichter. Wir
haben das Sedermahl, wir haben Rituale der
Erinnerung, wir haben die Haggada. Wir können
uns den Exodus - die Geschichte vom Auszug aus
Ägypten - nicht nur erzählen – mit Happy End -,
sondern sie selbst noch ausgestalten und hübsch
verpacken. Und dabei schauen wir zurück. Wenn
man selbst eine Flucht durchlebt oder einen
Krieg, dann weiß man noch nicht, wie das
ausgehen wird. Wer noch mitten in einer Krise
steckt, für den ist die Zukunft unklar. Ich
denke, diese verzweifelten Israeliten haben mehr
Verständnis verdient.
Und
heute? Wo ist der Bund jetzt? Was ist unsere
Aufgabe? Wie haben wir diesen Bund geerbt, und
wie vererben wir ihn? Wie geben wir ihn an die
nächste Generation weiter, damit diese nicht in
die Wüste stehenbleibt? Es bleiben viele Fragen
offen!
Schalom!
Rabbiner Dr.Walter Rothschild
21. Tewet 5769
(17. Januar 2009)
Andere geläufige Bezeichnungen: 2. Buch
Mose, Buch Exodus
oder 'Jakob'
Exodus 1:7
hebr. für Ägypten
Genesis 15:7ff.,18ff.
oder 'Abraham'
Genesis 49:29
Genesis 50:7-14
Genesis 50:24ff.
Josua 24:32
oder 'Mose'
Exodus 1:15
Exodus 32:1-8
Exodus 20:21ff.
Exodus 24:7
Traktat Schabbat 88a
Unser Rabbiner Dr. Walter
Rothschild legt alle vier Wochen die Parascha
(den Wochenabschnitt aus der Tora) zum Schabbat aus.
Den aktuellen Wochenabschnitt können Sie für den
jeweiligen Schabbat dem Menüpunkt
Termine
entnehmen.