Kaum zu
glauben, Jitro [1],
Schwiegervater von Mosche, kannte noch andere
Götter. In Schemot [2]
18:10f. lesen wir: “Gelobt sei der Ewige, der
euch aus der Hand Ägyptens und aus der Hand
Pharaos gerettet, der das Volk aus dem Joch
Ägyptens gerettet hat. Nun erkenne ich, dass
der Ewige grösser ist als alle Götter...."[3]
Jitro ist Priester der Midianiter[4],
und Mosche hat sicher viel von ihm gelernt. Aber
was? Wir wissen es nicht.
UNS aber hat
Mosche im 'Schema' gelehrt „Höre,
Jisrael! Adonai ist unser Gott! Adonai ist
Einer!” – „Schema Jisrael Adonai
elohejnu, Adonai echad"[5].
Wir verstehen das Judentum deshalb als eine
monotheistische Religion. Für uns gibt es NUR
einen Gott, und dieser Gott hat Alles geschaffen
– das ganze Universum, den Himmel und die Erde,
Tag und Nacht, Wasser und Land, jede Pflanze,
jedes Lebewesen. Er ist "Adon Olam“, der
Herr der Welt, der ewige und grenzenlose Gott.
In
interreligiösen Debatten wird häufig diskutiert
auf welche Weise Gott der Einzige ist – trotz
der verschiedenen Dimensionen und Namen die ihm
zugeschrieben werden. Für UNS sind weder der
Dualismus von Himmel und Hölle noch die
Dreieinig- oder Dreifaltigkeit und erst recht
nicht polytheistische Vorstellungen von Gott
akzeptabel. Was andere Menschen glauben, bleibt
ihre Sache. Wir wollen ihre Theologie nicht
ändern. Wir missionieren nicht - aber wir stehen
zu unserem Bekenntnis: Adonai elohejno,
Adonai echad.
Allerdings
waren auch die Israeliten davon nicht immer
überzeugt. Der Tanach[6]
berichtet von Zweifeln an der Einzigartigkeit
Gottes. Das ist nicht verwunderlich. Diese
Botschaft brauchte Zeit, um gehört und
verstanden zu werden. Das Volk Israel hat
schließlich über viele Generationen in Ägypten
gelebt. Dort herrschte eine ganz andere
religiöse – eine polytheistische – Atmosphäre.
Von jedem Gott gab es Bilder und Statuen, selbst
der Herrscher hatte einen göttlichen Status
inne. Als die Hebräer sicher durch das
Schilfmeer zogen und gerettet wurden, sangen sie
folglich „Wer ist wie Du, unter den Göttern,
O Adonai?"[7] und nicht
“Es gibt keine anderen Götter”. Ihre
Erfahrung war, dieser Gott ist besser als die
anderen. Das Volk war bereit, diesen Gott
anzunehmen, allerdings wollte es ihn sehen. So
hielt man es in Ägypten. Und deshalb schuf es
sich das 'Goldene Kalb'[8].
Und auch Gott
wird am Berg Sinai nicht zitiert mit der
Formulierung „Ich bin der einzige Gott“. Als
Mosche die Tora übergibt, lauten seine ersten
Worte: „Ich bin Adonai, dein Gott, der dich aus
dem Lande Ägypten geführt…“. Und dann erhebt er
eine Forderung: „Du sollst keine anderen Götter
haben vor meinem Angesichte…"[9].
Gott stellt sich als der Verbündete Israels vor.
Er habe das Volk gerettet, sagt er, und deshalb
dürfe es nur Ihn als Einzigen anbeten. Seine
Begründung: Wir haben einen Vertrag, eine
besondere Beziehung!
Man kann die
Geschichte über die Plagen in Ägypten lesen als
einen mythischen Kampf zwischen Göttern. Danach
kämpft Adonai, der Gott Israels, mit Hapi – dem
ägyptischen Gott des Nils. Er verwandelt dessen
lebensspendes Wasser als Zeichen des Todes in
Blut[10]. Später legt er
sich mit Amenemope an, der Göttin der
Fruchtbarkeit und des Ackers. Er zerstört die
fruchttragenden Felder durch eine
Heuschreckenplage. Und Ra, dem Sonnengott, zeigt
er seine Grenzen und schickt Finsternis. Diesem
mächtigen Gott gegenüber sind die ägyptischen
Priester hilflos.
Für das
Judentum von heute gibt es aber nur noch einen
Gott, nur einen Schöpfer, nur eine Macht. Auch
wenn andere immer noch an mehrere Götter,
Götzenbilder oder sogar an dunkle Mächte
glauben. Wir hoffen auf den Tag an dem
Wirklichkeit wird, was wir mit dem "Alenu"[11]
täglich am Ende unserer Gebete mit den Worten
des Propheten Secharja[12]
sprechen: „An jenem Tag wird Gott einzig sein
und sein Name einzig."[13]
Schalom!
Rabbiner Dr.Walter Rothschild
20. Schewat 5769
(14. Februar 2009)
[1] In Exodus 2:18
wird er Reguel oder Reuel genannt
[2]
Hebräische Bezeichnung für das Buch Exodus
bzw. 2. Buch Mose.
[3]
Zitiert nach "Pentateuch (mit deutscher
Übersetzung von J. Wohlgemuth und
J.Bleichrode) und Haftarot (übersetzt von
L.H. Löwenstein und S.Bamberger)", Basel
1985
[4]
Stammvater der Midianiter ist nach Exodus
25:2-4 Midian, einer der Söhne von Abraham
und Ketura.
[5]
Dewarim (Deuterenomium bzw. 5.Buch Mose) 6:4
[6]
TaNaCh ist die Bezeichnung für die
gesamte hebräische Bibel. Das Wort setzt
sich zusammen aus den Abkürzungen der Wörter
Tora (Fünf Bücher Mose), Nevi’im
(Propheten) und Ketuvim (Schriften,
z.B. die Psalmen, das "Lied der Lieder" bzw.
"Hohelied Salomos", die Bücher Ruth und
Esther)
[7]
Exodus 15:11
[8]
Exodus 32:1 ff.
[9] Exodus 20:1 ff.
[10]
Exodus 7:14 ff.
[11]
hebräisch für „Es ist unsere Aufgabe“
[12]
auch ‚Sacharja’
[13]
Sacharja 14:9 – Dies ist Teil des
Schlussgebets Alejnu am Ende des
jüdischen Gottesdienstes.
Unser Rabbiner Dr. Walter
Rothschild legt alle vier Wochen die Parascha
(den Wochenabschnitt aus der Tora) zum Schabbat aus.
Den aktuellen Wochenabschnitt können Sie für den
jeweiligen Schabbat dem Menüpunkt
Termine
entnehmen.