32-1

Jeder nach seinen Fähigkeiten
zu Exodus (2.Buch Mose)
30:11 - 34:35

Parascha
 

Wort des Rabbiners 

 Ki Tissa
Wenn Du erhebst

„Und der Ewige redete zu Mosche und sprach: „Siehe, ich habe mit Namen berufen Bezal’el, den Sohn Uris.... Und ich habe ihn erfüllt mit göttlichem Geist, mit Weisheit und Einsicht, mit Wissen und allerlei Fertigkeit, Sinnreiches zu ersinnen, zu arbeiten in Gold und Silber und Kupfer, sowie im Schneiden von Steinen zum Einsetzen und im Schnitt von Holz in allerlei Werk zu arbeiten. ..."[1]

 Eine faszinierende Idee: Göttlicher Geist, Weisheit, Einsicht, Wissen und Kunstfertigkeit sind Geschenke Gottes? Und eine interessante Eklärung dafür, warum einige von uns kreativer sind als andere, oder besser: warum Menschen mit unterschiedlichen Begabungen ausgestattet sind. Die Tora erzählt uns das während sie gleichzeitig berichtet, dass Gott Bauabsichten verfolgt. Keine Immobilie, sondern im Gegenteil: etwas Mobiles für die Wanderung durch die Wüste, ein Zelt der Begegnung. Es soll eine tragbare Wohnstätte werden: ein mobiles Mischkan inmitten des israelitischen Lagers. Nur einige Männer sollen dafür notwendig sein, um es auf- und abzubauen, nämlich die vom Stamm Levi. Dieses Heiligtum soll dem Volk Israel Orientierung geben und seinen Priestern einen Ort, wo sie – wie ihnen gesagt wurde – den Ewigen verehren und ihm opfern können.

Der Text beschreibt recht gut, wie dieses Zelt werden soll - Gott bestimmt die Grundelemente, die Vorhänge, die Tische, Haken, Ringe und vieles andere. Damals gab es noch keine Explosionsgrafiken, keine Konstruktionszeichnungen und auch nicht die legendären Aufbauanleitungen des bekannten schwedischen Einrichtungshauses, mit denen wir Laien heute sogar komplizierte Möbel aufzubauen vermögen. Und so bleibt Bezal’el und seinen Helfern Raum für Phantasie.

Ich kann mir ihre Situation ganz gut vorstellen. Schließlich kann auch ich auf meinem Gebiet konstruieren und Möglichkeiten ausloten. Mein Werkstoff sind Wörter und Texte. Damit arbeite ich, damit spiele ich, darin erkenne ich Muster von Wortverbindungen und Wortbedeutungen. Aber woher kommen mir die Ideen? Warum bin ich gerade in diesem Bereich so einfallsreich? Geerbt habe ich das nicht. Mein Vater ist mehr wie Bezal’el. Seine Begabung liegt in den Händen. Er fertigt Möbel aus Holz, Ornamente aus Schmiede-Eisen, er kann Klaviere stimmen und Modelleisenbahnen bauen, er bastelt sogar mit elektronischen Bauteilen. Ich dagegen und meine Hände haben schon Probleme, wenn eine Glühbirne gewechselt werden muss! Und wenn ‚wir’ uns an Werkzeugen vergreifen, dann wird es finster. Dafür sind ‚wir’ offenbar genetisch nicht gerüstet.

Es gibt Menschen, die sind farbenblind, andere sind taub für bestimmte Töne. Dann gibt es wieder welche, die sind „von Natur aus“ begabt. Sie können fantastisch zeichnen oder malen, großartig komponieren, singen oder musizieren. Auch unter den Technikern gibt es Naturtalente, die fast mühelos, Maschinen zu entwickeln oder zu reparieren vermögen. Mit Disziplin, Übung und Ausbildung können sie diese Fähigkeiten verbessern und sogar perfektionieren, aber die Grundlage, die Gabe, das Talent scheint in ihnen bereits angelegt zu sein. So gibt es selbst in abgelegenen Dörfern Leute, die sich als Mathe-Genies erweisen und andere, die später Experten in Naturwissenschaften werden. Und genauso gibt es die scheinbar weltfremden Träumer, die sich auf besondere Art mit Tieren verständigen können oder solche, die den so genannten „Grünen Daumen“ für Pflanzen haben.

 Aus welcher Quelle stammen diesen Gaben? Worher stammt dieses schöpferische Potential? Die Fähigkeit, aus dem Nichts eine Idee zu gebären, aus ein paar Sachen ein Kunstwerk oder eine Maschine zu schaffen? Das sind schwere Fragen! Bei Bezal’el wissen wir es. Schwieriger aber noch sind die Fragen, die sich an jeden einzelnen mit seinen Begabungen und Möglichkeiten richten: Was kann ich damit bewirken? Was kann ich damit anstellen? Wie darf ich diese Gaben benutzen, und darf ich es überhaupt?

Gott beschreibt Bezal’el als gesegnet mit Chochma (Weisheit), Bina (Einsicht) und Da’at (Wissen) [2]). Dennoch, er, der diesen mobilen Mischkan konstruiert, entwickelt und ausgestattet hat, wird dort nicht dienen können. Dafür sind andere Spezialisten vorgesehen: die Kohanim, die Priester. Sie allerdings werden nicht nach ihren Gaben sondern nach ihren Aufgaben beurteilt. Sie müssen lernen, nicht kreativ zu sein. Statt dessen sollen sie gehorsam die Vorschriften für ihr Amt befolgen. Diese Rolle ist in einer Stämme-Gesellschaft nicht frei gewählt. Wir haben mehr Spielraum. Dennoch gilt: Wer auf einem Gebiet gut ist, muss es nicht auch in allen anderen Bereichen des Lebens sein! Und leider bekommt auch nicht jede Begabung ihre Chance zur Entfaltung. Jeder hat seinen Weg. Das gilt in vielfacher Hinsicht. Nicht jeder Mensch muss ein Heiliger sein oder gar ein Prophet oder ein Priester. Ein Handwerker und ein Künstler sind genau wie sie Zeugen des Göttlichen im Menschen. Erinnern wir uns noch einmal an den Text: Gott braucht Moses, Gott braucht Aaron, und Gott beruft Bezal’el – alle zu seinen Diensten. Jeden mit seinen ganz besonderen Fähigkeiten.

Schalom!
Rabbiner Dr.Walter Rothschild

18. Adar 5769
(14. März 2009)


[1] Exodus 31:1-5 (nach: Die Heilige Schrift, übersetzt von Naftali Herz Tur-Sinai, Stuttgart 1993)     [2] siehe Exodus 31:3.  Von diesen Begriffen leiten die Lubawitscher Chasidim übrigens ihr unbescheidenes Akronym 'Chabad' ab. Es besteht aus den Anfangsbuchstaben von drei hebräischen Wörtern: Chochma (Weisheit), Bina (Einsicht) und Da’at (Wissen): Diese drei Begriffe repräsentieren nach der kabbalistischen Lehre drei der insgesamt 10 Stufen schöpferischer Gotteskraft.

Unser Rabbiner Dr. Walter Rothschild legt alle vier Wochen die Parascha (den Wochenabschnitt aus der Tora) zum Schabbat aus. Den aktuellen Wochenabschnitt können Sie für den jeweiligen Schabbat dem Menüpunkt Termine entnehmen.


 

32-2

Vom Schampoo und der roten Kuh
zu Numeri (4. Buch Mose) 19,1 - 22

 Maftir
Schabbat Para

Wort des Rabbiners 

14.  März 2009

Wissen Sie, was in Ihrem Shampoo steckt? Haben Sie je die 'Ingredients' auf dem Etikett gelesen? Diese kleinen Buchstaben mit Begriffen die keiner kennt? Meist handelt es sich um eine Mischung aus Farben, Fetten, Ölen, Stabilisatoren, Duft- und Konservierungsstoffen. Wir kaufen diese Emulsionen, mischen sie mit Wasser, reiben sie in unsere Haare oder verteilen sie auf unserer Haut. Nach der Dusche fühlen wir uns – Aaah! - frischer, sauberer - besser! Warum eigentlich? Weil uns das Etikett verspricht, es würde uns frischer, sauberer und besser machen! 

Schon die frühen Israeliten waren vertraut mit solchen Spezereien aus Düften, Ölen und Farben, oder – wie uns der Wochenabschnitt nahelegt – sie wurden damit vertraut gemacht. In Schemot [1] 30:22f. weist Gott Mose an, ein heiliges Salböl herzustellen: Zimt soll hinein und Myrrhe, wohlriechender Kalmus [2], Kassie [3] und Olivenöl. Später folgt noch ein Rezept für ein duftendes Weihrauchopfer.

Bemidbar [4] 19 (Sidra [5] Chukkat [6]) beginnt mit einer überraschenden Verordnung, einem 'Chok'[7]. 'Chukkim' sind Vorschriften, sie sind gegeben, auch wenn sie nicht vernünftig zu erklären sind. Sie unterscheiden sich von den begründeten Gesetzen, den 'Mischpatim'[8], für die es einen erkennbaren Grund gibt. Dieser Chok legt nun fest, wie eine Salbe hergestellt werden soll, um nach ritueller Verunreinigung wieder rein zu werden: Man soll eine rote Kuh schlachten, sie verbrennen und die Asche mit Zedernholz, Ysop und roter Wolle mischen. Daraus soll der Priester – in unserer Sprache - eine Art Shampoo bereiten: ein Reinigungswasser [9]. Und mit diesem Reinigungswasser können Menschen von ihrer Unreinheit ‘geheilt’ oder ‘gesäubert’ werden. Sie sollen statt ‘tameh’, also unrein, ‘tahor’, rein werden.

Was bedeutet das für uns? Was verstehen wir heute unter ‘unrein’ und ‘rein’? Was ist der Unterschied zwischen beiden Zuständen?

Jeder kennt das Gefühl, etwas körperlich Unangenehmes erlebt zu haben oder etwas berührt zu haben, was einem irgendwie widerlich ist - Unrat zum Beispiel, Hundekot, Blut, bestimmte Körperflüssigkeiten. Oder gar Kontakt zu einer Leiche gehabt zu haben. Was immer es auch sei, man hat dann das Gefühl, sich schnell waschen zu müssen. Unrein (‘tameh’) ist man, vereinfacht gesagt, wenn man sich ‘unrein’ fühlt. Das muss nicht das gleiche wie ‘schmutzig’ oder ‘dreckig’ sein. Ein Gärtner hat Erde an den Händen, ein Handwerker hat sie sich mit Öl oder Staub verschmiert. Beide werden sich sicher waschen, sobald sie ihre Arbeit beendet haben, aber sie haben keinen Grund, vor diesem Dreck zu erschrecken oder sich davor zu ekeln.

Wenn man aber doch in eine solche beklemmende, unappetitliche oder ekelhafte Situation kommt und ein Ritual braucht, um wieder zur ‘Normalität’ zurückzukehren - dann wählen wir heute etwas, um uns davon zu befreien: eine Seife, ein Gel, ein Reinigungsmittel das nach Apfel, Pfirsich oder Zitrone duftet - und Wasser. Und danach können wir uns wieder unserem Alltag zuwenden.

Wer weiß denn schon, was in so einem Gel, in einer Creme oder einer Seife steckt? Möchte man das so genau wissen? Vielleicht ist es sogar besser, es nicht zu wissen!  Wichtig ist, es sieht gut aus, es riecht gut, und man fühlt sich nach dem Waschen besser.

So zum Beispiel kann man diese Verse verstehen. Es ist an der Zeit, sich langsam auf Pessach vorzubereiten. Dafür braucht man geeignete Putzmittel - nicht nur für Schränke und Schubladen und Wohnungen, sondern auch für Menschen, die im spirituellen Sinne, den Dreck des vergangenen Jahres abwaschen möchten. Denn sie sollen ‘rein’ zum Pessach Seder kommen können. Sie sollen wirklich befreit sein, damit sie in der Lage sind, die Befreiung zu feiern. Dafür braucht man Zeit, Wissen  und Können. Damals war der Priester dafür zuständig. Schöne, fehlerfreie rote Kühe waren nicht leicht zu finden, aber dadurch gewann dieser rätselhafte Ritus sein Gewicht. Heute kommen wir ohne die 'Parah Adumah' (die rote Kuh) aus! Aber das Prinzip der 'rituellen Reinigung' können wir auch heute noch verstehen. Es hat an Bedeutung nicht verloren.

Schalom!
Rabbiner Dr.Walter Rothschild

18. Adar 5769
(14. März 2009)


[1] auch ‘Exodus’ oder 2. Buch Mose       [2] eine Art Schilfrohr mit einem aromatischen Wurzelstock      [3] gemeint ist Zimtblüte (nicht identisch mit Zimt)    [4] auch 'Numeri' oder 4. Buch Mose      [5] aramäisches Wort für 'Ordnung', ein anderer Begriff für das hebräische 'Parascha' (=Einteilung). Im Deutschen üblich: Wochenabschnitt       [6] Wochenabschnitt Chukkat (=Satzung von): Numeri (4. Buch Mose) 19:1 – 25:9      [7] hebräisch für 'Satzung, Ordnung, Bestimmung'       [8] 'Mischpat' (Singular), hebräisch für 'Recht, Gesetz'       [9] Numeri (4. Buch Mose) 19:9


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