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Nichts Besonderes
 - und doch...

zu Exodus (2.Buch Mose)
33:12 - 34:26

Parascha
 

Wort des Rabbiners 

Chol HaMoed Pessach

Zunächst eine Übersetzung: Mo’ed ist hebräisch und bedeutet 'Fest', und Chol bedeutet 'Normalität'. Wir befinden uns also in einer ‘normalen’ Zeit während einer außergewöhnlichen Zeit, nämlich der eines biblischen Festes. Ein Widerspruch? Sicher, und doch ist dieses Schabbat kein außergewöhnlicher. Im Herbst werden wir wieder einen Schabbat Chol HaMoed feiern - während Sukkot, also während des Laubhüttenfestes.

Wie lang kann ein Fest dauern? Lang, wie wir von unseren nichtjüdischen Nachbarn wissen. In manchen Rechnungen beginnt der Weihnachtszyklus schon im November [1]. Es folgen mehrere Höhepunkte: Advent, Nikolaus, Weihnachten, Heilige Drei Könige. Das Ganze endet mit Mariä Lichtmess, zeitnah zum Winterschlussverkauf. Wenn’s vorbei ist, sind dann alle froh, ein anstrengendes Vierteljahr für eine Weile hinter sich lassen zu können und zur Normalität zurückzukehren.

Die Tora macht es kürzer. Sie hat für Pessach nur sieben Tage [2] vorgesehen. Zudem konzentrieren sich die meisten Juden ohnehin auf den ersten Abend, den Seder-Abend. Einige begehen  auch den zweiten und laden zu einem zweiten Seder. Aber danach ist es schwer, die Spannung des Festes zu halten. Das war und ist ein Problem. Wie kann man die Atmosphäre, die Hoffnung und die Aufopferungsbereitschaft solcher umwälzenden und radikalen Veränderungen bewahren, ja, sogar an Generationen weitergeben, die selber nicht daran teilgenommen hatten?

Dabei gedenkt Pessach nun wirklich dramatischer Ereignisse von revolutionären Ausmaßen: der Flucht aus Ägypten und der Durchschreitung des Schilfmeeres. Wir erinnern uns: Zuletzt wurden die Hebräer aus Ägypten verdrängt und in die Freiheit vertrieben [3] - eine Freiheit, auf die sie nicht vorbereitet waren und mit der sie erst nichts anzufangen wussten.

Wir erinnern uns jedes Jahr erneut beim Seder und lesen die Haggada: Die Erzählung vom Auszug aus Ägypten! Die Hebräer mussten schnell weg. Es blieb ihnen nicht einmal Zeit, richtiges Brot zu backen![4] Und am Ende von Pessach, am 7. Tag, an einem Wochentag(!), erinnern wir uns, dass die Israeliten den Verfolgern entronnen und trockenen Fußes durch das Schilfmeer gezogen waren. Sie durchquerten ein riesiges Hindernis während die ägyptischen Heere darin umkamen. Hinter dem Schilfmeer war die Flucht vorbei, und es begann die Freiheit. Es folgten  allerdings vierzig Jahre Wanderung durch die Wüste – ohne sich an den Fleischtöpfen Ägyptens [5] sättigen zu können, ohne Land, ohne nennenswerten Besitz.

Auch wir haben ein Problem: In der Pessachzeit gibt es sieben Tage lang nur Matzen, Matzen und noch einmal Matzen. Das ist langweilig? Das ist eine Kleinigkeit! Nur sieben Tage! Die Israeliten mussten damals tagein, tagaus mit einer öden Diät aus Manna leben. Vierzig Jahre lang! Und besonders gesund war die vermutlich nicht. Schließlich ist von der Generation der Auswanderer aus Ägypten niemand zum Einwanderer ins gelobte Land Kanaan geworden [6]. Der Einzug in das Land, wo Milch und Honig fließen, blieb den Kindern und Enkelkindern der Emigranten vorbehalten.

Worum geht es heute? Wir sind bereits in der Zeit des Omerzählens von Pessach bis zum Wochenfest, bis 'Schawuot'. Der Seder (oder die Sedarim) liegen schon hinter uns. Der heutige Schabbatgottesdienst enthält ein paar liturgische Zusätze. Aber es ist ein normaler Schabbat, ein Ruhetag, wenn auch unter den Rahmenbedingungen eines großen Festes. Denn wir sind zwar am siebenten Tag von Pessach durch das Schilfmeer gezogen, aber nicht heute, nicht am siebenten Tag der Woche.

Deshalb werden wir noch einmal in diesem besonderen Wochenabschnitt [7] daran erinnert, was wir gewonnen haben, und zwar jeden Tag, nicht nur am Schabbat: Die Freiheit und das Bündnis mit Gott, der uns nach dem Tanz um das Goldene Kalb noch eine zweite Chance gegeben hat. Nicht also nur der Schabbat, sondern auch der bevorstehende siebente Tag von Pessach geben uns einen Grund zu feiern. Wir sind unterwegs: Heraus aus der Gefangenschaft in die Freiheit auf dem Weg in die Zukunft! Und das soll man nicht gering schätzen. Also vorwärts!


Schalom!
Rabbiner Dr.Walter Rothschild

17. Nissan 5769
(11. April 2009)


[1] mit dem 11.November, dem Martinstag      [2] Schemot/Exodus (2. Buch Mose) 12:15; Wajikra/Levitikus (3. Buch Mose) 23:6   (Für die Diaspora, oder genauer: für alle Regionen, die mehr als elf Tagesreisen vom Tempel in Jerusalem entfernt waren, haben die jüdischen Gelehrten schon in der Antike einen Tag zusätzlich eingeführt. Das ist leicht zu erklären. Der Kalender war damals nicht so verlässlich wie heute. Boten brachten die Kunde vom Neumond - vom Beginn eines neuen Monats - in die entlegenen Landesteile. Der zusätzliche Tag sollte die Unsicherheit über den Termin in den noch weiter entfernten jüdischen Siedlungsgebieten ausgleichen. Das war damals eine pragmatische Lösung für ein großes Anliegen: das Volk im jüdischen Kernland und das in der Diaspora sollte gemeinsam feiern. Dafür mussten die Juden in der Diaspora sicherheitshalber einen zusätzlichen Tag begehen. Heute ist dieser zusätzliche Tag unnötig. Wir können ihn uns sparen und zum biblischen Pessach zurückkehren. Liberale Juden praktizieren ihn deshalb nicht mehr. Sie feiern nach dem israelischen Kalender.).    [3] Schemot/Exodus (2. Buch Mose) 12:30ff.      [4] Schemot/Exodus (2. Buch Mose) 12:39f.     
[5] Schemot/Exodus (2. Buch Mose) 16:3     
[6] Bemidbar/Numeri (4. Buch Mose) 14:22ff.; Dewarim/Deuternomium (5. Buch Mose) 1:35ff.; mit Ausnahme von Kaleb und Joschua (auch Jehoschua, Josua)      [7]  Exodus 33:12-34:26     


Unser Rabbiner Dr. Walter Rothschild legt alle vier Wochen die Parascha (den Wochenabschnitt aus der Tora) zum Schabbat aus. Den aktuellen Wochenabschnitt können Sie für den jeweiligen Schabbat dem Menüpunkt Termine entnehmen.