Zunächst eine Übersetzung: Mo’ed ist
hebräisch und bedeutet 'Fest', und Chol
bedeutet 'Normalität'. Wir befinden uns also in
einer ‘normalen’ Zeit während einer
außergewöhnlichen Zeit, nämlich der eines
biblischen Festes. Ein Widerspruch? Sicher, und
doch ist dieses Schabbat kein außergewöhnlicher.
Im Herbst werden wir wieder einen Schabbat Chol
HaMoed feiern - während Sukkot, also während des
Laubhüttenfestes.
Wie lang kann ein Fest dauern? Lang, wie wir von
unseren nichtjüdischen Nachbarn wissen. In
manchen Rechnungen beginnt der Weihnachtszyklus
schon im November [1]. Es
folgen mehrere Höhepunkte: Advent, Nikolaus,
Weihnachten, Heilige Drei Könige. Das Ganze
endet mit Mariä Lichtmess, zeitnah zum
Winterschlussverkauf. Wenn’s vorbei ist, sind
dann alle froh, ein anstrengendes Vierteljahr
für eine Weile hinter sich lassen zu können und
zur Normalität zurückzukehren.
Die Tora macht es kürzer. Sie hat für Pessach
nur sieben Tage [2]
vorgesehen. Zudem konzentrieren sich die meisten
Juden ohnehin auf den ersten Abend, den Seder-Abend.
Einige begehen auch den zweiten und laden zu
einem zweiten Seder. Aber danach ist es schwer,
die Spannung des Festes zu halten. Das war und
ist ein Problem. Wie kann man die Atmosphäre,
die Hoffnung und die Aufopferungsbereitschaft
solcher umwälzenden und radikalen Veränderungen
bewahren, ja, sogar an Generationen weitergeben,
die selber nicht daran teilgenommen hatten?
Dabei gedenkt Pessach nun wirklich dramatischer
Ereignisse von revolutionären Ausmaßen: der
Flucht aus Ägypten und der Durchschreitung des
Schilfmeeres. Wir erinnern uns:
Zuletzt wurden die Hebräer aus Ägypten verdrängt
und in die Freiheit vertrieben
[3] - eine Freiheit, auf die sie nicht
vorbereitet waren und mit der sie erst nichts
anzufangen wussten.
Wir
erinnern uns jedes Jahr erneut beim Seder und
lesen die Haggada: Die Erzählung vom Auszug aus
Ägypten! Die Hebräer mussten schnell weg. Es
blieb ihnen nicht einmal Zeit, richtiges Brot zu
backen![4] Und am Ende von
Pessach, am 7. Tag, an einem Wochentag(!),
erinnern wir uns, dass die Israeliten den
Verfolgern entronnen und trockenen Fußes durch
das Schilfmeer gezogen waren. Sie durchquerten
ein riesiges Hindernis während die ägyptischen
Heere darin umkamen. Hinter dem Schilfmeer war
die Flucht vorbei, und es begann die Freiheit.
Es folgten allerdings vierzig Jahre Wanderung
durch die Wüste – ohne sich an den Fleischtöpfen
Ägyptens [5] sättigen zu
können, ohne Land, ohne nennenswerten Besitz.
Auch wir haben ein Problem: In der Pessachzeit
gibt es sieben Tage lang nur Matzen, Matzen und
noch einmal Matzen. Das ist langweilig? Das ist
eine Kleinigkeit! Nur sieben Tage! Die
Israeliten mussten damals tagein, tagaus mit
einer öden Diät aus Manna leben. Vierzig Jahre
lang! Und besonders gesund war die vermutlich
nicht. Schließlich ist von der Generation der
Auswanderer aus Ägypten niemand zum Einwanderer
ins gelobte Land Kanaan geworden
[6]. Der Einzug in das Land, wo Milch und
Honig fließen, blieb den Kindern und Enkelkindern
der Emigranten vorbehalten.
Worum
geht es heute? Wir sind bereits in der Zeit des
Omerzählens von Pessach bis zum Wochenfest, bis
'Schawuot'. Der Seder (oder die Sedarim) liegen
schon hinter uns. Der heutige
Schabbatgottesdienst enthält ein paar
liturgische Zusätze. Aber es ist ein normaler
Schabbat, ein Ruhetag, wenn auch unter den
Rahmenbedingungen eines großen Festes. Denn wir
sind zwar am siebenten Tag von Pessach durch das
Schilfmeer gezogen, aber nicht heute, nicht am
siebenten Tag der Woche.
Deshalb werden wir noch einmal in diesem
besonderen Wochenabschnitt [7]
daran erinnert, was wir gewonnen haben, und
zwar jeden Tag, nicht nur am Schabbat: Die
Freiheit und das Bündnis mit Gott, der uns nach
dem Tanz um das Goldene Kalb noch eine zweite
Chance gegeben hat. Nicht also nur der Schabbat,
sondern auch der bevorstehende siebente Tag von
Pessach geben uns einen Grund zu feiern. Wir
sind unterwegs: Heraus aus der Gefangenschaft in
die Freiheit auf dem Weg in die Zukunft! Und das
soll man nicht gering schätzen. Also vorwärts!
Schalom!
Rabbiner Dr.Walter Rothschild
17. Nissan 5769
(11. April 2009)
Unser Rabbiner Dr. Walter
Rothschild legt alle vier Wochen die Parascha
(den Wochenabschnitt aus der Tora) zum Schabbat aus.
Den aktuellen Wochenabschnitt können Sie für den
jeweiligen Schabbat dem Menüpunkt
Termine
entnehmen.